Christine Schirrmacher
Politik + Gesellschaft

Politischer Islam und Religionsfreiheit

Juni 9, 2017 by · Leave a Comment 

Podiumsdiskussion mit Justizminister Prof. Dr. Winfried Bausback

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v.l.n.r. Justizminister Winfried Bausback, die Publizistin Necla Kelek, Prof. Christine Schirrmacher und Prof. Ferdinand Kirchhof © Henning Schacht

Der politische Islam stellt Deutschland vor neue Herausforderungen. Das Grundrecht in Artikel 4 Grundgesetz (GG) schützt die Religionsfreiheit des einzelnen und verpflichtet den Staat zur Neutralität gegenüber den Religionen. Was aber ist, wenn auch patriarchalisch-archaische Traditionen zu religiösen Geboten erklärt werden? Wenn solche Gebote im Widerspruch stehen zu den Grundwerten unserer Verfassung? Müssen wir dann unsere Religionsfreiheit neu denken? Bayerns Justizminister Prof. Dr. Winfried Bausback und die Bayerische Vertretung in Berlin luden am 1. Juni 2017 zur Podiumsdiskussion „Politischer Islam und Grundgesetz – müssen wir die Religionsfreiheit in Deutschland neu denken?“.   Der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof, die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher und die Publizistin Dr. Necla Kelek diskutierten die aktuellen Herausforderungen des politischen Islams. Staatsminister Prof. Dr. Bausback moderierte die Podiumsdiskussion und hatte zuvor in das Thema eingeführt.

 

Links:

Islam und Demokratie – Konvergenz oder Divergenz?

Mai 6, 2016 by · Leave a Comment 

Am 12.5.2015 hielt Christine Schirrmacher einen Vortrag mit dem Titel „Islam und Demokratie – Konvergenz oder Divergenz?“ beim Expertenworkshop „Der Islam und die säkulare Gesellschaft“ der „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP)“ im Rahmen des Forschungsprojekts: „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“.

Der Vortrag kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Deutscher Bundestag: Öffentliche Anhörung:
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe:

Religionsfreiheit und Demokratieentwicklung

Dezember 2, 2015 by · Leave a Comment 

Der Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe des Deutschen Bundestages hat am 2. Dezember eine öffentliche Anhörung zum Thema „Religionsfreiheit und Demokratieentwicklung“ veranstaltet. Unter den geladenen Sachverständigen war auch Prof. Dr. Christine Schirrmacher.

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Entscheiden zukünftig Islamisten in NRW über Lehrinhalte und Lehrpersonal für Islamischen Religionsunterricht?

September 11, 2012 by · Leave a Comment 

In Nordrhein-Westfalen werden zukünftig Islamisten über Lehrpläne und Lehrmaterialien sowie die Auswahl der Lehrkräfte für den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht von 320.000 muslimischen Schülern mitentscheiden, befürchtet die Islamwissenschaftlerin Prof. Christine Schirrmacher. Das Beiratsmodell in NRW macht ausgerechnet Verbände zum offiziellen Ansprechpartner des Staates in Sachen Religionsunterricht, die regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten von Bund und Ländern auftauchen, wie die zum Islamrat gehörende Islamische Gemeinschaft Milli Görüs.

Im Dezember 2011 hatte Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland die schrittweise Einführung eines flächendeckenden Islamischen Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach beschlossen. Ein Beirat soll vorübergehend (zunächst bis 2019) die Interessen der muslimischen Glaubensgemeinschaften vertreten, solange keine Körperschaft des öffentlichen Rechts als anerkannte islamische Religionsgemeinschaft existiert, die verbindlicher Ansprechpartner für den Staat wäre. Dieses Provisorium ist ein Bruch mit geltendem Verfassungsrecht und laut Schirrmacher darüber hinaus im Hinblick auf die nötige Repräsentanz des gesamten islamischen Spektrums äußerst problematisch: Vier der acht Mitglieder des Beirats werden von den vier großen konservativen islamischen Verbänden des Koordinationsrates der Muslime (KRM) gestellt: der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), dem Islamrat, dem Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD); die übrigen vier Mitglieder ernennt das Bildungsministerium NRW – allerdings nur im Einvernehmen mit den vier Verbänden. Damit entscheidet der Staat mit über die Mitglieder des Beirates und damit über die religiösen Inhalte, die in den Schulen ankommen werden. Zugleich werden damit alle muslimischen religiösen Gruppen ausgeschlossen, die nicht vom KRM vertreten werden, wie z. B. die Ahmadiyya oder die Schiiten. Der Beirat begutachtet auch die Bewerber und entscheidet über deren Zulassung als Lehrer, sowie über Lehrpläne und Lehrbücher. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang, warum der Beirat die Veröffentlichung seiner Verfahrensordnung für die Zulassung von Bewerbern für den Unterricht weiter hinauszögert. In ihr soll es unter anderem um die Fragen des persönlichen Lebenswandels und der religiös-politischen Einstellung der Lehramtsbewerber gehen, die im so genannten Motivationsgespräch abgefragt werden sollen.

ZMD-Vertreterin rechtfertigt koranisches Züchtigunsrecht

Zweifel an der Eignung des Beirats betreffen nicht nur die fehlenden pädagogischen Qualifikationen der meisten Mitglieder und den Alleinvertretungsanspruch des Beirats für „den Islam“ oder die größtenteils nicht vorhandene pädagogische Vorbildung der zukünftigen Lehrer. Vor allem zwei Beiratsmitglieder haben in der Vergangenheit auch mit islamistischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht.  Der Zentralrat der Muslime hat die ehemalige Aachener Grundschullehrerin Eva-Maria el-Shabassy in den Beirat berufen. Die zum Islam konvertierte el-Shabassy geriet erstmals 2004 in die Schlagzeilen, als die Wochenzeitung „Die Zeit“ in einem Artikel über Kopftuch tragende Lehrerinnen sie mit den Worten zitierte: „Wenn einmal in hundert Jahren eine Ehebrecherin gesteinigt wird, vielleicht werden dann ganz viele Ehen gerettet“. In einem Leserbrief hatte el-Shabassy später ihre Aussage widerrufen und behauptet, lediglich „auf die Praxis des Propheten“ verwiesen zu haben. El-Shabassy engagiert sich auch in der Fraueninitiative des eng mit der Muslimbruderschaft verbundenen Islamischen Zentrums in Aachen. In ihrem Buch zur „Frau im Islam“ betont el-Shabassy zwar zunächst, dass Muhammad seine Frauen nie geschlagen habe, rechtfertigt anschließend aber den so genannten Züchtigungsvers in Sure 4,34, nach dem der Mann seine Frau im Falle der befürchteten Widerspenstigkeit (vor allem im Bereich der ehelichen Pflichten) ermahnen, im Ehebett meiden und schlagen soll. Das Schlagen der Frau versteht el-Shabassy als „letzte Maßnahme“ – unter anderem bei drohender ehelicher Untreue. Dabei dürfe der Mann nicht im Affekt und nach entsprechenden Überlieferungen nicht hart und nicht ins Gesicht schlagen. Laut el-Shabassy ist es auch der Frau nicht verboten, ihren Mann bei befürchteter Widerspenstigkeit zu schlagen, „aber angesichts der physischen Überlegenheit des Mannes“ erscheint ihr das „wenig empfehlenswert.“

Generalsekretär des Islamrats fordert schrittweise Islamisierung von Staat und Gesellschaft

Offensichtlich sind die islamistischen Tendenzen auch bei einem zweiten Beiratsmitglied, Burhan Kesici, dem Generalsekretär des Islamrats. Der Politikwissenschafter und islamische Religionslehrer Kesici ist als Vizepräsident der Islamischen Föderation bereits in Berlin für den islamischen Religionsunterricht an 37 öffentlichen Schulen zuständig. Ein Blick in eine Hausarbeit zur „Beziehung zwischen Staat und Religion im Islam“, die Kesici 1996 im Rahmen seines politikwissenschaftlichen Studiums an der Freien Universität Berlin geschrieben hat und die bis heute auf der deutsch-türkischen Internetseite www.enfal.de abrufbar ist, verdeutlicht bereits seine islamistischen Ambitionen. Kesici spricht darin von der Notwendigkeit eines islamischen Staates, um „eine Harmonie zwischen dem privaten und dem öffentlichen [Leben]“ herzustellen und unter anderem die islamischen Strafrechtsbestimmungen durchzusetzen. Anschließend wirbt Kesici für die Ideologie der „gerechten“ bzw. „islamischen Ordnung“ (adil düzen) Necmettin Erbakans, des Gründers der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs und spricht sich für eine schrittweise Islamisierung der Erziehung, Moral, Wirtschaft und Politik aus, bei der zunächst „das Individuum, dann die Gesellschaft und zum Schluss der Staat islamisch geprägt wird.“

Fehlende Außenperspektive: Keine Befähigung der Schüler zur Kritikfähigkeit

In Berlin haben sich Kesici und seine Islamische Föderation bereits vor mehr als zehn Jahren das Recht erstritten, Religionsunterricht in eigener Trägerschaft – nicht wie in NRW als ordentliches Unterrichtsfach nach Art. 7 Absatz 3 Grundgesetz – anzubieten. Verfassungsschützer haben jedoch immer wieder auf „Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen“ und auf den Einfluss der islamistischen Milli-Görüs-Ideologie innerhalb der Föderation aufmerksam gemacht. Die wenigen Beobachter, die bisher Zugang zum Unterricht bekommen haben, beklagen die mangelnde pädagogische und didaktische Ausbildung der Lehrer und vor allem die fehlende „Außenperspektive“ im Unterricht. Statt die muslimischen Schüler auch zur Kritikfähigkeit gegenüber der eigenen Tradition auszurüsten, ginge es der Föderation fast ausschließlich um die Verkündigung ihres eigenen Islamverständnisses und der Einübung einer entsprechenden Glaubenspraxis, so die Beobachtungen.

Auch türkische Regierung kann über Beiratsvorsitzenden der DITIB Einfluss nehmen

Aus verfassungsrechtlicher wie integrationspolitischer Perspektive problematisch ist für Schirrmacher auch, dass mit Mehmet Soyhun, dem Dialogbeauftragten der DITIB („Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“), ein Vertreter den Vorsitz des Beirats innehat, dessen Organisation engstens mit dem türkischen Religionspräsidium (Diyanet) in Ankara verbunden ist, das nicht nur die Predigten für die Moscheen in der Türkei, sondern auch für die deutschen DITIB-Moscheen liefert. Die Diyanet wiederum ist direkt dem Amt des derzeitigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyib Erdogan unterstellt, der in seinen vergangenen Auftritten in Deutschland allzu deutlich unterstrichen hat, dass es ihm mehr um die Stärkung der nationalen türkisch-islamischen Identität der in Deutschland lebenden Türken als um ihre Integration in die hiesige Gesellschaft geht.

Das gegenwärtige Dilemma: Gemäßigter Staatsislam oder staatlich geförderte Islamisierung?

Kritik an der Zusammensetzung des Beirats üben auch liberale Muslime wie die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Sie geht davon aus, dass die genannten Verbände lediglich zwischen 20 bis 30 Prozent der Muslime in Deutschland vertreten. Indem die Verbände selber vier Mitglieder stellen und den weiteren vier zustimmen müssen, werde ihnen „durch die Hintertür  die Quasi-Anerkennung als alleinige Repräsentanz der Muslime“ verliehen. Auf diese Weise könnten die etablierten Verbände ganze Generationen mit ihren Vorstellungen prägen, während die Ansichten der bisher wenig organisierten liberalen Muslime in den öffentlichen Schulen ungehört blieben.

In der staatlichen Etablierung eines Gremiums in der Funktion einer Religionsgemeinschaft, dessen Mitgliedern jedoch die staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft fehlt, liegt laut Schirrmacher ein Dilemma: Einerseits ist es rechtlich unzulässig, dass der Staat durch die Besetzung der Beiräte den Muslimen einen Staatsislam vorsetzt und ihnen damit vorschreibt, was sie zu glauben und wie sie ihre Quellen zu verstehen haben. Andererseits gilt das nur für Glaubensfragen, nicht für gesellschaftspolitische Inhalte, die die Verbände über ihre Mitglieder wie etwa den von Milli Görüs dominierten Islamrat vertreten. Aus Schirrmachers Sicht ist daher die Gefahr der Islamisierung sowie der Instrumentalisierung des Staates und seiner Neutralität nicht von der Hand zu weisen, wenn die organisierten Verbände durch den Staat einseitig priviligiert werden und ihre konservativ bis islamistische Auslegung der Quellen als den einzig „wahren Islam“ ganz offiziell über den bekenntnisorientierten Religionsunterricht in öffentlichen Schulen propagieren können.

Konvertiten zum Islam: Je gläubiger – je radikaler?

Mai 21, 2012 by · Leave a Comment 

Wege der Radikalisierung bei Muslimen in Europa

Christine Schirrmacher

Islam in Europa – eine Bedrohung?

Nicht erst seit gestern ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland gespannt. An die Stelle des Wegsehens über die dauerhafte Präsenz von Muslimen und der viel zu lange gehegten Illusion der Rückkehr der in den 60er Jahren angeworbenen Gastarbeiter sind Misstrauen, Ängste und Abwehr getreten. Asylsuchende, politische und Wirtschaftsflüchtlinge sowie eine im Vergleich zu Europa höhere Geburtenrate haben die muslimische Diasporagemeinde auf heute rund 4 Mio. Menschen anwachsen lassen.

Ängste und Abwehr wurden durch mehrere Faktoren hervorgerufen: durch einen immer stärker sichtbar werdenden international vernetzten politischen Islam einschließlich seines extremistischen Arms, verantwortlich für zahlreiche Terrordrohungen und –anschläge einerseits, durch die Opfer –und Forderungssmentalität muslimischer Organisationen und Verbände mit dem häufigen Ruf nach Sonderrechten, durch die in vielen Stadtteilen sichtbaren Sprach- und Integrationsdefizite bis hin zu Rückzug und Abschottung, durch die Praxis tribal-archaischer Bräuche wie Zwangsheiraten und Ehrenmorde, Hand in Hand gehend mit einer traditionell-islamisch definierten Frauenrolle, die auch an einer zunehmenden Zahl an Kopftüchern sichtbar wurde und nicht zuletzt durch eine große Zahl an Bauanträgen für Großmoscheen. Nachdem all dies in der Öffentlichkeit endlich thematisiert, medial jedoch nicht immer hilfreich verarbeitet wurde, nahmen viele Menschen nach fast 50 Jahren die muslimischen Zuwanderer endlich wahr; durch das gesellschaftlich-politische Wirken des Islam allerdings vor allem als Problemszenario. Muslime, die weder einen Schariaislam fordern noch für Zwangsehen und die Pflicht zum Kopftuch eintreten und gebildet, integriert und finanziell unabhängig zum Mittelstand dieser Gesellschaft gehören, die keine politische Agenda im Gepäck haben und nichts anderes wollen als hier in Frieden zu leben, scheinen manchen Menschen heute schlicht nicht mehr vorstellbar. Grund dafür ist auch, dass der politische Islam in den vergangenen 10, 20 Jahren in vielen Bereichen sehr erfolgreich darin war, die Deutungshoheit über die gesamte islamische Gemeinschaft zu übernehmen.

Der Minarettstreit

Gerade die Emotionalität, mit der die jüngste Auseinandersetzung anlässlich der Volksabstimmung über ein staatliches Verbot von Minarettbauten in der Schweiz geführt wurde, machte deutlich, wie dünn das Eis der gegenseitigen Verständigung derzeit ist. Während die einen den Schweizer Bürgern ein fehlendes Demokratieverständnis und mangelnde Religionsfreiheit bescheinigten[1] und die 57,5% Befürworter des Minarettverbots in die Nähe von Rechtspopulisten, Ausländerfeinden und Unterdrückern rückten,[2] zeigten sich andere über das Abstimmungsergebnis offen erfreut und erkannten darin einen überfälligen Schritt auf dem Weg zur Eindämmung des politischen Islam.

Bei genauerer Betrachtung wurde allerdings schnell deutlich, dass hier mehr eine Stellvertreter- als eine Minarettdiskussion geführt wurde. Es ging wohl eher um ein „Votum gegen den politischen Islam und sein mittelalterliches Rechtsverständnis“[3], um den Ausdruck der „weitverbreiteten Angst vor der Islamisierung der Gesellschaft“[4], um ein Zeichen gegen ein schariadominiertes Menschenrechts- und Religionsfreiheitsverständnis, ja, eigentlich um „ein Referendum darüber, wie bedrohlich der Einfluss des Islam in der abendländischen Gesellschaft wahrgenommen wird“[5]. Es wurde offensichtlich, dass viele Menschen in Europa Sorge haben vor dem Vormarsch, dem Einfluss und der Machtausübung des politischen Islam, vor Forderungen nach Schariarecht, religiösen Begründungen für reduzierte Frauenrechte, sowie der Selbstzensur der offenen Gesellschaft in ihrer Ausdrucksvielfalt in Kunst, Kultur und Religionskritik. Statistische Erhebungen spiegeln diese Haltung deutlich wider:

Muslime in Deutschland – Fremde geblieben?

Nach einer Umfrage des „Instituts für Markt- und Politikforschung“ Dimap für das „ARD-Morgenmagazin“ erkennen nur 22% der Bundesbürger „kein Problem mit dem muslimischen Glauben.“ 39% äußern „ein wenig Sorge“, 36% „große Sorgen um eine Expansion des Islam“[6]. Mit anderen Worten: 75% der Bundesbürger sind von Angst und Sorge in Bezug auf den Islam geprägt. Keine guten Voraussetzungen, um Muslimen im eigenen Umfeld vorurteilslos zu begegnen und endlich Brücken zu den Menschen zu bauen, die hier in Deutschland dauerhaft leben werden.

Es ist aber nicht nur die angestammte deutsche Bevölkerung, die so distanziert ist. Auch unter muslimischen Migranten ist der Anteil derjenigen hoch, die Deutschland nicht oder nicht an erster Stelle als ihr Heimatland betrachten. 36% der Muslime in Deutschland fühlten sich an Deutschland stärker gebunden als an ihr Herkunftsland, dem sich 27% stärker verbunden wissen. Noch interessanter die Zahl von Muslimen mit deutschem Pass: Nur 51% sind (gegenüber rund 33% der Ausländer insgesamt) fühlen sich stärker mit Deutschland verbunden als mit ihrem Herkunftsland, in dem sie doch meist nicht mehr aufgewachsen sind.[7] Nur 22% der in Hamburg lebenden Muslime und nur 25% in Berlin betrachten sich als „Deutsche“, aber – was weitaus dramatischer ist – nur 11% gaben in beiden Städten an, von anderen als Deutsche gesehen zu werden![8] Deutschlandweit erfragt, fühlt sich knapp die Hälfte der muslimischen Bevölkerung in Deutschland von Deutschen abgelehnt.[9]

Toleriert Europa Religiöse?

Deutschland und seine Zuwanderer tun sich also miteinander nach wie vor schwer, und das, obwohl die Anwerbung türkischer Gastarbeiter bereits vor rund 50 Jahren – im Jahr 1961 – begann. Freundschaften, Verbundenheit über die kulturellen Grenzen hinweg, Verständnis und ein gemeinsames Miteinander scheinen viel zu wenig vorhanden. Angsteinflössende Aktivitäten extremistischer Gruppen tun das Ihrige dazu. Folge davon ist, dass immer wieder „der Islam“ als Ursache für die zu Teilen mangelhafte Integration und jede Art von gesellschaftlich-politischer Problematik verantwortlich gemacht wird und Menschen pauschal Ablehnung erfahren, weil sie Muslime (= Problemverursacher) sind.

Daran sind nicht nur der politische Islam und die Integrationsdefizite schuld. Auch abseits davon tut sich das weitgehend säkularisierte Europa offensichtlich schwer mit der Akzeptanz der Tatsache, dass der Islam als Religion auch in der dritten Generation ein wesentlicher Faktor der Identität der meisten Migranten geblieben ist, hat man doch – aus dem Blickwinkel der eigenenVerhältnisse – noch bis in die 90er Jahre eine progressive Abschwächung des religiösen Bekenntnisses spätestens bei der dritten Generation der Zuwanderer und eine bloße Rest- und Randexistenz des islamischen Glaubens im Privatbereich erwartet – zu Unrecht, wie heute nur allzu offensichtlich ist.

Westeuropa ist zu recht stolz auf seine völlige Religionsfreiheit. Jeder kann ungehindert seine Religion wechseln oder auch gar keine Religion haben. Geprägt von Humanismus und Aufklärung und der erfolgreich bewältigten Trennung von Kirche und Staat ist der gesellschaftspolitische Anspruch der Religion einerseits weitgehend aufgegeben worden, andererseits die Religion an sich noch vorhanden, auch wenn zu Teilen – so ein US-amerikanischer Beobachter – die „Kirchen meist leer (sind) und Religion … als Kuriosität betrachtet“[10] wird. Teilweise kann der Eindruck entstehen, dass Religion zwar erlaubt ist, aber nur gemessen. In „laizisierten Gesellschaften … stellt die religiöse Tradition nicht mehr den Sinnkodex für alle dar“, so dass „der Anspruch der Religion, die gesamte Gesellschaft zu regieren und das Leben eines jeden Individuums zu bestimmen, sogar in den Augen der überzeugtesten und treusten Gläubigen unrechtmäßig geworden ist“[11]. Rückt sich also in Europa der Religiöse durch ein öffentliches oder zu engagiertes Bekenntnis selbst an den Rand der Gesellschaft? Gilt er nicht leicht, wenn er sich zu offensiv zu seinem Glauben äußert, als etwas vormodern und in seiner Wahrnehmung getrübt, während der bekennend Säkulare sich als wirklich aufgeklärt und objektiv begreift? So wähnen sich gerade bekennende Atheisten nicht selten „im Status des Aufgeklärtseins. Auf das gläubige Bewusstsein blicken manche respektlos herab“ [12]. Scheinen bekennende Atheisten in der öffentlichen Wahrnehmung Wissenschaft, Fortschritt und Objektivität nicht viel eher auf ihrer Seite zu haben als das für bekennende Anhänger einer Religion gilt? Steht nicht der Glaubende häufig in Verdacht, dass er zu objektiven Aussagen kaum in der Lage ist, während im Fall des Atheisten die Beeinflussung seiner Wissenschaft durch seine Weltanschauung kaum je zur Diskussion steht?

Wie klingt es vor diesem Hintergrund, wenn Umfragen ergeben, dass 76% der jungen Muslime in Deutschland zwischen 18 und 29 Jahren an ein Leben nach dem Tod glauben, 78% an ein Paradies, 77% an die Hölle, 64% an die Engel und 60% an den Teufel?[13] Für das weitgehend säkularisierte Europa keine ganz leicht verdauliche Sichtweise, denn: „Ganz grundlegend steht die (gemeint ist: die muslimische, C.S.) Jugendbewegung für etwas, was viele Menschen in Europa für überwunden hielten: Gottergebenheit.“[14]

Ist diese Gottergebenheit, die als eine Art ‚vormoderner’ Glaube begriffen wird, ein Problem? Je gläubiger, je entwicklungsbedürftiger und – vermutlich – auch radikaler? Müssen Muslime ihre religiösen Bindungen reduzieren – oder der Staat der islamischen Religion eine Säkularisierung verordnen – damit seine Anhänger gute Demokraten werden? Ist es letztlich der islamische Glaube, der Muslime an einer erfolgreichen Integration hindert? Können sie erst dann als integriert gelten, wenn sie begeisterte Anhänger des Kölner Karneval, Konsumenten von Bier und Schweinshaxe und Teilnehmer des Christopher Street Day geworden sind?

Selbstverständlich sind nicht alle Muslime – oder besser: Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften – gleichermaßen religiös: schließlich hat sich im Jahr 2007 sogar ein atheistisch ausgerichteter „Zentralrat der Exmuslime und sonstiger nichtreligiöser Menschen e.V“ konstituiert. Parallel zu einer Stärkung mancher islamischen Kräfte in der Türkei hat sich dort in den vergangenen 25 Jahren in Teilen der Bildungsschicht auch eine deutliche Säkularisierung vollzogen. Auch bezeichnen sich z. B. Migranten aus dem Iran zu 55% als „gar nicht oder eher nicht gläubig“, 72% besuchten nie religiöse Veranstaltungen,[15] und gehören damit unter den Menschen aus islamisch geprägten Herkunftsländern zu den seltensten Moscheebesuchern.

Trotz aller notwendigen Differenzierungen zeigen jedoch Umfragen einhellig, dass ein beachtlicher Teil der muslimischen Migrantengemeinschaft ihren islamischen Glauben als integralen Bestandteil ihrer Identität betrachtet: Eine im Jahr 2009 vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ herausgegebene Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ beziffert die Zahl der Muslime in Deutschland, die sich als „eher gläubig“ einschätzen, mit 50% sowie die Zahl derjenigen, die sich als „sehr stark gläubig“ bezeichnen, mit 36%. Diese 86% „gläubigen“ Muslime korrelieren mit der 2007 erhobenen Zahl des Bundesinnenministeriums im Rahmen der Studie „Muslime in Deutschland“, die knapp über 85% „Gläubige“ oder „sehr Gläubige“ ermittelte.[16] Einen noch höheren Anteil von „Religiösen“ (49%) und „Hochreligiösen“ (41%) – also insgesamt 90% Gläubige – ermittelt der von der Bertelsmann Stiftung herausgegebene „Religionsmonitor 2008“.[17] Alle genannten Studien stimmen darin überein, dass die Prozentzahlen für junge Muslime noch etwas höher liegen. Damit ist also für 85%-90% der in Deutschland lebenden Muslime (und in besonderer Weise: der jungen Muslime) der Islam – wenn auch mit Sicherheit nicht in jeder Einzelvorschrift – ein wichtiges Merkmal der eigenen Identität.

Konversionen zum Islam als Bewältigung der Moderne?

Der Islam, eine lebendige Religion bis in die dritte Generation der Zuwanderer hinein, bleibt nicht nur auf den Bereich der Moschee beschränkt: er gewinnt Konvertiten, deren Zahl statistisch allerdings nicht erfasst ist.[18] Konnten noch für die 90er Jahre die Mehrzahl der Übertritte als Heiratskonversionen betrachtet werden,[19] gilt das heute nicht mehr. Auch aus christlichen Familien und Gemeinden[20] werden Menschen Muslime.

Dass es überhaupt Übertritte zum Islam gibt, irritiert nachhaltig, weil eine religiöse Neuorientierung – etwa bei Kirchenwiedereintritten – gesellschaftlich meist weniger spektakulär abläuft als ein per Videokamera dokumentierter und ins Internet eingestellter Übertritt, also eine öffentlichkeitswirksam vollzogene Konversion mit u. U.  dramatischer Lebenswende im europäischen Kontext ungewohnt ist. Zudem irritiert offensichtlich die Tatsache, dass in einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft aufgewachsene Jugendliche nun gerade den Islam wählen, der mit seinem umfangreichen Regelwerk für den Alltag, seinen eindeutig definierten Geschlechterrollen, seinem Alkoholverbot und seiner strikten Sexualmoral auf den ersten Blick als unattraktiv erscheinen könnte. Häufig hat ein Übertritt außerdem eine negative Reaktion von Eltern und Freunden zur Folge.[21]

Warum ist dann der Islam als Religion eigener Wahl attraktiv? Bisher liegen noch zu wenige Studien vor, um eindeutige Schlussfolgerungen ziehen zu können. Liegt ein Grund in dem Wunsch nach eindeutigen Richtlinien in einer Zeit großer Beliebigkeit, in der sich sogar manche hochrangige Kirchenvertreter hinsichtlich des Wahrheitsanspruchs der biblischen Botschaft nicht immer mehr ganz sicher zu sein scheinen? Die Suche nach Orientierung inmitten eines enormen Pluralismus, in dem alle Lebensformen und Welterklärungsmodelle gleichermaßen richtig zu sein scheinen, so dass es Kategorien wie „wahr“ und „falsch“ oder „gut“ und „böse“ und auch eindeutige Verhaltens- und Rollenmuster kaum noch zu geben scheint? So „entsteht der Wunsch nach der Herstellung einer Ordnung für das persönliche Leben, in der sich oft in mehr oder weniger expliziter Form ein Protest gegen die Unordnung der Welt ausdrückt“[22].

Andere Vermutungen zielen mehr in eine theologische Richtung: die leichtere Akzeptanz eines ‚einfachen’ Monotheismus im Islam anstelle einer schwer eingängigen trinitarischen Gottesvorstellung wird ebenso angeführt wie die eindeutigen Handlungsanweisungen des Erlaubten und Verbotenen in einer Religion, die nicht vorrangig eine intensive Gewissensprüfung und innerliche Übereinstimmung mit den gegebenen Werten erfordert, sondern zunächst vor allem das Befolgen sichtbar vollzogener Riten.

Dass ein Bekenntnis gerade zur besonders strengen salafitischen Ausrichtung des Islam auch Ausdruck von jugendlichem Protest sein kann, ist von Jugendlichen selbst als Erklärungsmodell herangezogen worden. Konversion als ein Moment der Abgrenzung – und das um so mehr, wenn ein neuer Name, neue Speisevorschriften und eine neue Kleiderordnung gewählt werden: „Mit schwarzer Lederjacke und Irokesenschnitt kann man heute keinen Lehrer mehr schocken, wenn man allerdings sagt, man sei radikaler Muslim und wolle gerne eine Frau mit Gesichtsschleier heiraten, kann man sich der Reaktionen sicher sein. So mancher, der vor zwanzig Jahren im schwarzen Block marschiert wäre, betet jetzt in der Islam AG“[23].

Darüber hinaus wurden im Rahmen einer britischen Feldstudie die Suche nach dem Sinn des Daseins, soziale und politische Fragen, Unterschiede wie Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum, die Neugier auf andere Religionen, die allumfassende Regelung aller Lebensbereiche durch den Islam sowie die Erfahrung einer engen Gemeinschaft[24] genannt.[25]

Weniger scheint die häufig geäußerte Vermutung einer persönlichen Krise empirischen Studien stand zu halten.[26] Eher scheint sich die Krise als Folge der Konversion und des Unverständnisses der Umwelt zu ergeben als Voraussetzung für die Bekehrung zum Islam zu sein.

Wenden sich formal dem Islam zugehörige Muslime einer intensiveren Praxis oder einem ganz neuen Verständnis des Islam zu, so geschieht dies bei Migranten der zweiten oder dritten Generation meist auf der Suche nach der eigenen Identität, die für viele junge Muslime Europas nicht eindeutig geklärt scheint. Sind sie Deutsche? Türken? Deutsch-Türken? Der Islam als Wurzel, Identifikationsmoment und Standortbestimmung ist aus ihrer Sicht häufigster Grund ihrer Zurückweisung durch die deutsche Gesellschaft und die – in ihren Augen – einseitig negative mediale Berichterstattung über den Islam: „Der Islam ist ihre Lösung. Sie sehen sich als integrationswillig, dennoch haben viele das Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft sie nicht haben will.“[27]

Sind religiöse Muslime in Europa also aufgrund ihrer intensiven Glaubensbindung eine Gefahr für Aufklärung und Moderne? Sind sie aufgrund einer meist als vormodern aufgefaßten Religionspraxis anfällig für politische Radikalisierungen? Im Jahr 2007 äußerte der frühere Innenminister Wolfgang Schäuble, er sei „besorgt über die wachsende Zahl von Bürgern, die zum Islam konvertieren. Dies habe ‚durchaus etwas Bedrohliches’ … Gewiss sei nicht jeder Konvertit ein potenzieller Terrorist, so Schäuble. Aber es wachse ‚bei uns das Phänomen des ‚home-grown terrorism.’“[28] Konversion und Terrorismus – zwei nahe beieinander liegende Phänomene also?

Führt Religion zur Radikalität?

Würde der Islam als Ganzes für Politik und Terror stehen, wären Bedenken gegen die Religion des Islam – ja, ihr Verbot – in der Tat gerechtfertigt. Gäbe es keinen anderen Islam als nur seine politische Variante, müssten tatsächlich alle seine Anhänger unter einen Generalverdacht gestellt werden. Wo der Islamismus politische Extremismen mit der Religion begründet, kann dieser Agitation keinerlei Freiraum gewährt werden. Wo allerdings nur Glaube und Ethik gelebt werden, kann die religiöse Bindung allein nicht Anlass für den Verdacht der Nähe zu Radikalismen sein.

Dass dies leider keine theoretische Diskussion ist, machen der weltweit vernetzte Islamismus und Extremismus nur allzu deutlich. Gerade Konvertiten, die sich der politischen Variante des Islam zuwenden, stellen ein sicherheitspolitisches Problem dar. Wie kommt es aber dazu, dass Menschen sich nicht nur dem Islam zuwenden, sondern sich ein radikalisiertes, politisiertes Verständnis des Islam zu eigen machen? Eine spirituelle Suche allein ist als Erklärungsmuster nicht hinreichend, sie könnte auch in einem mystischen Sufi-Zirkel enden. Dabei ist angesichts eines Vergleichs der Biographien bisher bekannter Jihadisten offensichtlich, dass es den einen, in allen Biographien durchgängig erkennbaren Beweggrund für die Radikalisierung von Muslimen nicht gibt. Es sind vielmehr eine Vielzahl von Gründen, die jedoch bei aller Abweichung im Detail durchaus eine gemeinsame Richtung erkennbar werden lassen.

Ursachen des Jihadismus: Ein konservativer Glaube? Moscheen? Gehirnwäsche? Das Internet?

Zunächst scheint die Vermutung nahezuliegen, dass derjenige, der sich einer jihadistischen Gruppierung anschließt, dies tut, weil er den Koran ‚wörtlich’ auslegt oder ein besonders ‚strenggläubig’ ist. Alle für Europa vorliegenden Studien über Radikalisierungsprozesse in muslimischen Milieus widersprechen jedoch dieser Annahme. Der typische Adept einer jihadistischen Gruppierung hat gerade keine besonders religiöse Vergangenheit und kein gesteigertes Interesse an Theologie, ja, im weltweiten Rahmen betrachtet, haben so gut wie alle führenden Jihadisten eine unzureichende oder gar keine theologische Ausbildung genossen:[29] „Weil sie Ingenieure und nicht Islamgelehrte sind, wissen sie über die 1.400 Jahre der Koranauslegung nicht sehr viel“[30]. Gerade das geringe theologische Wissen macht anfällig für Radikalisierungen, nicht eine zu intensive Beschäftigung mit der islamischen Theologie und den verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten des Korans. Ohne eine entsprechende Unterweisung, dass der Jihad Muhammads gegen seine Feinde im 7. Jahrhundert n. Chr. heute im Terrorkampf gegen den Westen umgesetzt werden muss, bleiben auch die ‚Schwertverse’ des Korans zunächst Berichte historischer Vorkommnisse. Nicht umsonst setzen staatliche Umerziehungsprogramme für ehemalige Jihadisten in Saudi-Arabien, Irak oder Jemen auch auf eine gründliche theologische Unterweisung, die die Kämpfer eine unpolitische Deutung der Jihadverse des Korans lehren[31] und nicht auf eine möglichst gründliche Abwendung der ehemaligen Jihadisten von der Religion.

Obwohl der Verdacht auf den ersten Blick naheliegen könnte, sind Jihadisten keine Psychopathen, die eine Gehirnwäsche durchlaufen haben und nun als fremdgesteuerte Roboter willenlos Befehlen gehorchen. Sie leiden in der Regel an keinerlei erkennbaren mentalen Irritationen.[32] Zumindest die Anführer der Bewegungen sind in aller Regel weder verarmt noch ungebildet, sondern entstammen der aufstrebenden Mittelschicht mit guten Aussichten auf dauerhaften beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg.[33]

Zwar gibt es durchaus auch Moscheen, die als Brutstätten radikaler Lehren in Deutschland und darüber hinaus bekannt sind. Die bevorzugten und häufigsten Orte der Radikalisierung sind die Moscheen jedoch nicht – erst recht nicht die großen, repräsentativen Moscheebauten der DITIB etwa und auch nicht die Moscheen mit besonders hohen Minaretten – sondern vielmehr informelle Orte der Zusammenkunft abseits der Moscheen wie Buchläden, Telefonshops, Schulen, Universitäten und heute immer stärker auch die Gefängnisse.[34]

Über einen längeren Zeitraum hinweg galt das Internet mit seinen weltweit zugänglichen Aufrufen zur Teilnahme am Jihad, seinen Anleitungen zum Bombenbau und glorifizierenden Märtyrerbekenntnissen als einer der gefährlichsten Auslöser von Radikalisierungen schlechthin. Nicht ganz zurecht: Bisher ist in keiner einzigen jihadistischen Biographie das Internet als eigentlicher Auslöser für eine Radikalisierung nachgewiesen worden. Zwar wirkt das Internet als Beschleuniger des Radikalisierungsprozesses, indem es dem zum Jihad Entschlossenen notwendige Informationen (besonders technischer Art) zugänglich macht, nicht jedoch als auslösendes Moment. Nur weil eine Person allein vor seinem Computer eine Bombenbauanleitung betrachtet, wird sie nicht zum Attentäter. In jedem einzelnen Fall jihadistischer Anschläge sind über die Nutzung des Internets hinaus Kontakte zu einer Gruppe und/oder einer spirituellen Führer- bzw. operativen Leiterfigur nachweisbar.[35] Die Entschlossenheit, letztendlich zur  Tat zu schreiten, entsteht durch die notwendige Gruppendynamik in einem Forum und eben nicht unabhängig davon.[36] Das Internet schafft über Chaträume und Diskussionsforen diese notwendige Kommunikationsplattform, die Jihadisten weltweit miteinander verbindet: „Es sind die Foren, nicht die Bilder der passiven Webseiten, die für den Prozess der Radikalisierung von entscheidender Bedeutung sind. Menschen ändern ihre Gesinnung aufgrund von Diskussion mit Freunden und nicht, indem sie einfach nur unpersönliche Geschichten lesen“[37].

Wege in die Radikalität

Zahlreiche Studien, die in Europa sowie auch in Übersee anhand aller verfügbaren Daten über geplante wie zur Durchführung gebrachte jihadistische Anschläge Aufschluss geben, kommen in ihren Analysen zu Radikalisierungsprozessen zu vergleichbaren Ergebnissen. Eine dieser Studien des New York Police Departments mit dem Titel „Radicalization in the West: The Homegrown Threat“[38] fasst, basierend auf Datenmaterial bis zum Jahr 2007, die einzelnen Schritte der Radikalisierung folgendermaßen zusammen:

1. Pre-Radikalisierung

Die erste Stufe der Pre-Radikalisierung erreicht den eher nicht-religiösen, unauffälligen Aspiraten, der offen für Neues ist. Der typische Vertreter hat eher keine intensive kriminelle Karriere hinter sich, ist gebildet, männlich, meist verheiratet und häufig sogar Vater von Kindern. Konvertiten, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen und eine intensive neue Zugehörigkeit suchen, gelten ebenfalls als gefährdet: etwa 25% aller Jihadisten sind Konvertiten.[39] Je isolierter und rigider strukturierter der Aspirant, je gefährdeter ist er für die jihadistische Weltsicht. Er betrachtet sich in einer Gesellschaft, die ihm keinen Platz einräumt, subjektiv als Verachteter und grenzt sich nun seinerseits durch Rückzug und Zugehörigkeit zu einer jihadistischen Gruppe von der Gesellschaft ab. In seiner Autobiographie beschreibt ein Migrant aus dem indisch-pakistanischen Raum in Großbritannien seine prä-radikale Phase typischerweise mit den Worten: „Ich war 16 Jahre alt und hatte keinen einzigen weißen Freund. Meine Welt bestand komplett aus Asiaten, die alle Muslime waren. Das war mein Großbritannien.“[40]

Zwei Personenkreise sind in Europa hinsichtlich einer möglichen Radikalisierung in einer jihadistischen Gruppierung gefährdet:

a) Der Student unter 35 Jahre, der für sein Studium erst im Erwachsenenalter nach Europa zugewandert ist. Er hat nach relativ kurzem Aufenthalt in Europa radikales Gedankengut aufgenommen oder ist bereits damit nach Europa gekommen. Er ist dort seinem gewohnten, auf kollektive Gemeinschaft ausgelegten Umfeld entzogen und häufig stark vereinsamt. Er ist Außenseiter und kommt mit den Freiheiten und Möglichkeiten, aber auch mit der Anonymität und fehlenden Solidarität in seinem neuen Umfeld nicht zurecht. Ein Beispiel dafür ist der ägyptische Kulturwissenschaftler Hamed Abdul-Samad, der die Phase seiner eigenen Orientierungslosigkeit als Student in Deutschland in seiner autobiographischen Erzählung „Mein Abschied vom Himmel“ eindrücklich schildert.[41] Für ihn wäre seine Heimatlosigkeit und sein Empfinden, in der deutschen Gesellschaft ein unerwünschter Fremdkörper zu sein, beinahe Baustein seiner eigenen Radikalisierung geworden: „Junge Muslime fühlen sich zu militanten Gruppen hingezogen, weil sie ihnen Anerkennung und Nestwärme bieten und das Gefühl geben, Teils eines Projektes zu sein. Dagegen wird ihnen sowohl von der deutschen Gesellschaft als auch von den traditionellen islamischen Organisationen das Gefühl vermittelt, ein Problem zu sein.“[42] Abdul-Samad plädiert daher für eine Kultur des Vertrauens und des Brückenbauens zu den Menschen, denn: „Es reicht nicht, Extremisten zu verstoßen, denn dann würden sie untertauchen und sich erst recht radikalisieren.“[43]

b) Die zweite gefährdete Gruppe für den Schritt in die Radikalität sind Söhne – heute auch bereits häufiger Töchter – aus einer Mittelklassefamilie der zweiten oder dritten Migrantengeneration, die in Europa aufgewachsen sind,[44] aber doch das deutliche Empfinden haben, dass sie niemals als Einheimische akzeptiert werden. Sie genießen oft wenig Teilhabe an gesellschaftlichem Fortkommen und sehen sich als Verlierer der Moderne.

Mehrere Studien aus den USA weisen darauf hin, dass die tiefe kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Kluft zwischen Migranten der zweiten und dritten Generation und der Mehrheitsbevölkerung zu einer intensiven Frustration und dem Gefühl von Ausgegrenztsein führt. Ein starkes Gefühl von Isolation und verweigerter Akzeptanz und das Empfinden, niemals dazu zu gehören, scheint für dieses Klientel ein wesentlicher Faktor auf dem Weg in die Radikalität zu sein, so wie ein Jugendlicher aus Hamburg es ausdrückte: „Ich bin hier geboren, habe die deutsche Staatsbürgerschaft, habe hier Abitur gemacht und studiere jetzt. Ich bin Mitglied einer Partei und spende regelmäßig Blut – was soll ich denn noch tun, damit ich als Deutscher akzeptiert werde?“[45] Oder ein anderer:

„Ich bin hier nach Deutschland, und hab deutsche Sprache gelernt (sic), sprech sie auch besser als meine eigene … und fühl mich eigentlich als Deutscher. Nur, wie gesagt, man gibt den andern das Gefühl, dass du keiner bist. Also ich dachte immer ich wär Deutscher, aber man hat mir… klargemacht, du bist kein Deutscher, du bist ein Ausländer. Ob das bei Behörden oder Schulen oder wie auch immer. Und da wirklich merkt man dann, ich gehör nicht dazu. Oder ich soll nicht dazugehören.“[46]

Auf der Suche nach dieser verweigerten Zugehörigkeit ist der ‚inländische Außenseiter’ ganz besonders offen für Angebote der Freundschaft und der Akzeptanz. Diese Freundschaft und Akzeptanz in einer jihadistischen Gruppierung sind um so intensiver, als sich die übrigen Mitglieder in einer ähnlichen Lage befinden. Anzukommen, angenommen zu werden, Gleichgesinnte zu finden und damit ein Stück der gewohnten engen muslimischen Familienkultur wieder herzustellen, macht den Aspiranten offen dafür, auch die Weltsicht dieser Gruppe zu übernehmen.

Durchlaufen diese jungen Leute einen Prozess der Radikalisierung, werden sie als ‚home-grown terrorists’ bezeichnet. Sie werden nicht von der Religion an sich oder von dem Leiden ihrer Brüder in Palästina angetrieben, nicht von Rache oder Verzweiflung. Sie sind auf der Suche nach einer Identität, nach einem Platz in der Gesellschaft und einem Sinn in ihrem Leben, und das um so mehr, als dass auch ihre traditionelle muslimische Gemeinschaft durch die häufige Verteilung der Familie über mehrere Kontinente durch die Migration zerrissen ist.[47] Migration an sich scheint für manche junge Muslime ein wesentliches Moment für die Anfälligkeit für jihadistische Bewegungen zu sein. In manchen jihadistischen Gruppierungen sind 80 bis 85% der Mitglieder entweder selbst Migranten oder aber Nachkommen von Migranten bzw. leben in der Diaspora, jedenfalls nicht in ihrem Herkunftsland – eine erschreckend hohe Zahl.[48]

Wer das Leben in der Diaspora so stark als Niederlage interpretiert, als Demütigung, Diskriminierung und fortwährende Frustration, mag seinen Sinn schließlich darin finden, gegen diese Gesellschaft zu kämpfen. Chancenlosigkeit produziert weiteren Rückzug und Rückzug weitere Chancenlosigkeit – ein Teufelskreis. Wenn ein persönliches Vorbild oder Freunde den einsamen Entwurzelten davon überzeugen, dass es in dieser ungerechten, gottlosen Gesellschaft jedermanns persönliche Pflicht sei, den Jihad für die Umformung in eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen, dann wird die erlebte Diskriminierung einerseits wie im Brennglas zusätzlich vergrößert, aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit zur Veränderung der deprimierenden Umstände in Aussicht gestellt. Ein übriges bewirken Medienberichte mit als einseitig empfundenen Darstellungen des Islam als Motor des Terrorismus, womit der Kampf als gerechtfertigte Verteidigung erscheint.[49]

2. Identifikation mit der radikalen Orientierung

Beim Eintritt in die „gegen-kulturelle Gruppierung“ liegt „die Betonung … auf der emotionalen Partizipation“[50], auf der Zuweisung einer Aufgabe unter Brüdern und Schwestern, einer neuen Zugehörigkeit, einer Wiedererlangung von Respekt und Würde, nicht auf der akademischen oder theologischen Diskussion eines Lehrgebäudes oder dem abgewogenen Vergleich unterschiedlicher Auslegungen des Islam.

Sehr häufig gerät der Aspirant in eine Gruppe, zu dessen Mitgliedern er schon zuvor verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen besaß. Zum Teil sind es langjährige Verbindungen, die sich als so stark erweisen, dass sie in der Umwelt von Ablehnung und Unsicherheit festen Halt bieten. Dies gilt insbesondere in Zeiten der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen oder persönlichen Krise, die sich durch einen Arbeitsplatzverlust, den Tod eines Angehörigen oder eine Diskriminierungserfahrung ergeben kann. In manchen Fällen eröffnet sich dem Kandidaten in diesem Kreis sogar die Möglichkeit einer Eheschließung.

Hat sich der Aspirant der Gruppe angeschlossen und dort verlässliche und feste Freundschaften aufgebaut, identifiziert er sich mehr und mehr mit der radikalen Ideologie, die in dieser Gruppe von ihrem charismatischen Leiter gelehrt wird. Alte Lebensgewohnheiten, Kontakte oder sogar die Verbindung zur eigenen Familie werden nun möglicherweise aufgegeben, der Kleidungsstil islamisiert und das ganze Leben auf Kompatibilität mit dem Leben in der frühislamischen Gesellschaft überprüft werden.

3. Die Phase der Indoktrination: Akzeptanz radikaler Antworten

In der Phase der Indoktrination werden die radikalen Auffassungen der jihadistischen Gruppe vollständig akzeptiert. Auch die Anwendung von Gewalt gegen den Westen oder ‚die Ungläubigen’ werden jetzt offen diskutiert und von allen Mitgliedern als zur Verteidigung notwendig akzeptiert. Der Jihad wird zur individuellen Pflicht erklärt, den alle Muslime kämpfen müssen, um den wahren Glauben und ein Leben nach den Geboten der Scharia aufzurichten. Die Veränderung der konkreten Lebensumstände der Mitglieder werden in Aussicht gestellt, das baldige Anbrechen einer Heilszeit durch eine notwendige Tat beschworen.

In dieser Phase treffen sich die Mitglieder der Gruppe meist nicht mehr in der Moschee, sondern außerhalb, z. B. in einer Privatwohnung, da andere Muslime im Licht der eigenen radikalen Beurteilung letztlich in die Nähe von Ungläubigen rücken. Das Internet vermittelt zusätzliche Informationen über die Möglichkeiten, selbst einen Anschlag durchzuführen, ebenso Märtyrervideos derjenigen, die ihr Attentat bereits erfolgreich ausgeführt haben. Das Internet dient nun als Beschleuniger der Radikalisierung; seine Botschaften treffen jedoch auf bereits radikalisierte Mitglieder einer konspirativen Gruppe.

4. Die Ausführung des Anschlags

Wenn die vierte Phase anbricht, haben die einzelnen Mitglieder ihre Beteiligung am Jihad akzeptiert. Er gilt ihnen nicht mehr als Angriffskrieg, sondern nur noch als Verteidigung, auch wenn dabei Unbeteiligte umkommen. Das Ziel ist die Aufrichtung der ‚gerechten’ Gesellschaft, die in direktem Gegensatz zur gegenwärtig erlebten Gesellschaft steht. Die Welt ‚dort draußen’ mit ihren teuflischen Kräften wird abgelehnt, es entsteht das Gefühl, dass die eigene Gruppe unter akuter Bedrohung lebt. Die utopische Weltordnung von morgen scheint in greifbarer Nähe gerückt, die kleine Avantgarde in der Lage, durch einen Kampf gegen die Mächte des Bösen die bessere Zukunft herbeizuführen.[51]

Die letzte Phase bis zur konkreten Planung und Ausführung eines Attentats kann sehr kurz sein. Auch in dieser Phase spielen Videos über den Jihad, Blogs und Foren noch eine wichtige Rolle. Der Anschlag wird konkret geplant, die Rollen unter den Mitgliedern der Gruppe verteilt. Häufig wird ein Testament verfasst oder ein Abschiedsvideo gedreht. Ist das einmal geschehen, ist der „point of no return“ erreicht. Die Gruppendynamik spielt eine wichtige Rolle, so dass zu diesem Zeitpunkt keine Person mehr die Gruppe verlässt. Ob ein Anschlag zur Ausführung kommt, scheint ganz wesentlich an der Entschlossenheit ihres geistigen Mentors zu liegen.

Der Prozess der Radikalisierung kann unbemerkt und leise vor sich gehen. Eindeutige Anzeichen gibt es nicht. Rückzug von der Gesellschaft, ein islamischer Kleidungsstil, eine intensive Nachahmung des Lebens Muhammad oder ein Abbrechen des Kontaktes zur Familie können ernsthafte Warnzeichen sein, sind aber einzeln keine eindeutigen Indikatoren für einen Eintritt in eine jihadistische Gruppierung.

Radikale Gruppen bieten klare Regeln und einfache Feindbilder, eine Elite-Identität, den Einsatz für eine vermeintlich gerechte Sache, einen Platz innerhalb der Gesellschaft im Diesseits, Bewunderung durch die muslimische Gemeinschaft, die Wiederherstellung der verloren geglaubten Ehre, die Gemeinschaft Gleichgesinnter und die Wiederherstellung der ‚natürlichen’ Ordnung, in der der ‚wahre’ Islam und die Ordnung der Scharia siegen werden. Die radikalisierte Gruppierung wird zum ‚sichtbaren Jenseits’, zur besseren Welt der Gläubigen mit dem Ziel, die ‚reine’ islamische Gesellschaft nach dem Vorbild Muhammads zu erschaffen. Sie bietet dem Entwurzelten ein Zuhause, wahre Freundschaften und eine neue Familie. Das ist ihre Hauptattraktivität.

Fazit

Der Jihadismus – eine echte Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit Europas. Der Kampf gegen diese Bedrohung wird nicht allein zu gewinnen sein durch die Verfolgung von Terroristen, bessere Sicherheitssysteme und eine stärkere Überwachung von Verdächtigen, obwohl dies selbstverständlich wichtige Maßnahmen zum Schutz der Allgemeinheit sind. Der Kampf gegen den Terror wird wohl nur durch eine Austrocknung des fruchtbaren Humusbodens zu gewinnen sein, auf den derzeit die jihadistische Lehre bei einem Teil der Migrantengemeinschaft fällt.

Gegenüber der westlichen Welt hat sich unter Migranten das Gefühl einer dauerhaften Fremdheit, in islamisch geprägten Kulturen große Wut angestaut. Der „Kreuzzug“ gegen die „Achse des Bösen“ bei gleichzeitig öffentlich aufgedeckten doppelmoralischen Standards für die Supermacht der Besatzer des Irak (Stichwort: Guantananmo Bay, Abu Ghraib, Entziehung vor Schiedssprüchen durch den Internationalen Gerichtshof) wird als Feldzug zur Vernichtung des Islam gedeutet. Die Folge ist nicht nur ein Gefühl der Demütigung, sondern daraus resultierende Feindseligkeit sowie innere Emigration in den europäischen Aufnahmegesellschaften.

Deutschland leidet noch immer an den Spätfolgen der jahrzehntelang politisch gehegten und in der Bevölkerung bereitwillig geglaubten Illusion vom vorübergehenden Aufenthalt der Gastarbeiter sowie daran, Integration und Sprachförderung nicht früh und entschlossen genug betrieben zu haben, um den Entwurzelten dauerhaft Heimat bieten zu können. Eine Konsequenz aus der Erkenntnisverweigerung des dauerhaften Zusammenlebens war die Gleichgültigkeit gegenüber politischen Netzwerken, die sich dieses Vakuum zu nutze machten, um die Zugewanderten auf ihre politisch-islamistische Agenda einzuschwören, die u. a. Seklusion von der westlichen Gesellschaft hieß. Diese Agenda trifft deshalb auf soviel Sympathie bei den Zugewanderten, weil deren Abschottungs- und Rückzugsparolen sowie Verurteilung der westlichen Gesellschaft mit den alltäglichen Erfahrungen vieler Migranten nur allzu leicht in Deckung zu bringen sind,[52] wie Ed Husain für Großbritannien der 80er Jahre konstatiert:

„Abgesondert von Großbritannien, isoliert von der östlichen Kultur unserer Eltern, gab uns der Islamismus einen Sinn und einen Platz im Leben.“[53] Diesen Sinn und Platz im Leben finden derzeit zu wenige Migranten in den westlichen Gesellschaften. Die jihadistische Gruppierung schafft dazu ein Gegengewicht, denn: „Anstelle eines ziellosen Treibenlassens und der Suche nach egozentrischen Vergnügungen, werden ihre Mitglieder Teil eines kollektiven, herausfordernden Projekts, das alle ihren Enthusiasmus, ihre Hingabe und ihre Bereitschaft, Opfer zu bringen, mobilisiert. Das ist es, was die Zivilgesellschaft ihnen nicht so leicht bieten kann: ihnen wird ein Platz innerhalb einer Gemeinschaft angeboten, der ihnen Akzeptanz und Zugehörigkeit bietet, dazu ihrem Leben Zielsetzung und Bedeutung verleiht.“[54]

Gibt die radikale Gruppe dem Adepten das Gefühl von Gemeinschaft und wirkt sinnstiftend in einem Umfeld, das aufgrund persönlicher wie wirtschaftlicher Krisen als sinnlos und leer erlebt wird, kann der Schritt zur Radikalisierung in einer Gruppe von Gleichgesinnten u. U. sehr kurz sein: „Junge Leute mit einem großen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Akzeptanz werden der ‚Bombardierung mit Liebe’ ausgesetzt …, Liebe, Akzeptanz und persönliche Bestätigung und Einbeziehung in eine Bruder-/Schwesternschaft von Freunden“[55]. Aufgrund dieses Nährbodens ist das Radikalisierungspotential auch unter Muslimen in Deutschland nicht unerheblich, auch wenn derzeit nur ca. 1% der Muslime Mitglied in einer extremistischen Gruppierung sind. Aufgrund der vielfältigen Faktoren jedoch, die eine Radikalisierung herbeiführen können, kann dieses latente Potential für eine politisch-religiös motivierte Radikalisierung in Deutschland, so betont die Studie „Muslime in Deutschland“, nicht klar beziffert werden. Die Autoren gehen jedoch aufgrund ihrer umfangreichen Datenerhebung aus den Jahren 2004 bis 2007 von ungefähr 10-12% der Muslime in Deutschland aus, was eine Größenordnung zwischen 350.000 und 500.000 Menschen bedeuten würde.[56]

Im politischen Bereich müssen einerseits sinnvolle Grenzen für überdimensionierte Moscheebauten ausgehandelt, überzogene Forderungen an den Staat nach vermehrten Minderheitenrechten abgewehrt und der Opfermentalität mancher muslimischer Gruppierungen deutliche Integrationserwartungen entgegengehalten werden. Gesetze und ihre konsequente Anwendung, Überwachung und Verbote radikaler Gruppen sind unverzichtbarer Bestandteil für die Sicherheit Europas. Sie alleine reichen aber nicht aus, um den „Kampf um die Köpfe und Herzen der muslimischen Gemeinschaft“[57] zu gewinnen und das nicht unerhebliche Radikalisierungspotential auszutrocken, so dass sich in Zukunft weniger Menschen von der Gesellschaft abwenden, in der sie sich als diskriminierte Randfiguren empfinden.

Die vor uns liegende Aufgabe liegt darin, diese Menschen in der Mitte – nicht am Rand – unserer Gesellschaft ankommen zu lassen. Dazu müssen ihrerseits Voraussetzungen erfüllt werden wie der vermehrte Erwerb von Bildung und die Bereitschaft, sich dauerhaft und überzeugt in dieser Gesellschaft zu engagieren. Je mehr Vorbilder jedoch geschaffen werden, je durchlässiger die Schranken und je attraktiver die Gesellschaft, je mehr wird radikalen Gruppen das Wasser abgegraben, und mehr Menschen werden widerstandsfähig gegen die todbringende Botschaft von Jihad und Vernichtung.[58]

Die Frage, ob wir die Entwurzelten in unseren Gesellschaften ihrer Isolierung, ihrer Wut und Verlorenheit entziehen können, wird nach Meinung aller führenden Experten mit darüber entscheiden, wie viele Anschläge Europa noch erleben wird.[59] Wenn mehr Muslime sich mit ihrer Religion akzeptiert sehen und begreifen, dass sie Europäer und gleichzeitig Muslime sein können und damit alle Chancen in dieser Gesellschaft besitzen, werden weniger Radikale mit ihrer Botschaft auf offene Ohren stoßen, dass der Westen sie ablehnt, weil sie Muslime und als Religiöse ‚verdächtig’ sind. Doch dazu wären zunächst ein Mentalitätswandel und eine neue Sichtweise auf die bekannte Problematik erforderlich.


[1] Das Ergebnis der demokratischen Volksabstimmung sei geradezu „eine Gefahr für die Demokratie“ (http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/eine-gefahr-fuer-die-demokratie/) (19.12.2009)

[2] So z. B. eine erste Stellungnahme der UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay: UNO: Minarett-Verbot ist klar diskriminierend. in: Die Presse, 1.12.2009 (http://diepresse.com/home/politik/525460/index.do) (19.12.2009) Ähnlich hatte sich der Verantwortliche für den Interreligiösen Dialog des Vatikan am 4.12.2009 geäußert: Schweiz/Vatikan: Minarett-Debatte stellt vor neue Fragen. (http://www.radiovaticana.org/TED/Articolo.asp?c=339632) (19.12.2009)

[3] So Philipp Gut. Ein Ja zur Demokratie (http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-48/artikel-2009-11-29-kommentar-zur-minarett-abstimmung-ein-ja-zur-demokratie.html) (19.12.2009)

[4] So der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach: Schweizer Minarett Verbot. Bosbach attestiert Deutschen Angst vor Islamisierung. Spiegel-Online, 30.11.2009 (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,664161,00.html) (19.12.2009)

[5] Angst vor Eurabien, in: Der Spiegel, 7.12.2009, S. 112

[6] Große Mehrheit der Deutschen besorgt über den Islam. Die Welt, 12.12.2009, S. 4

[7] Muslimisches Leben in Deutschland, hg. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg: 2009, S. 338

[8] So die Ergebnisse der Befragung Muslims in Europe: A Report on 11 EU cities des Londoner Open Society Institute (OSI) (http://www.ufuq.de/newsblog/605-studie-qmuslims-in-europe-a-report-on-11-eu-citiesq) (19.12.2009)

[9] Katrin Brettfeld; Peter Wetzels. Muslime in Deutschland. Eine Studie des Bundesinnenministeriums zu Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Hamburg: 2007, S. 109

[10] „Churches are for he most part empty and religion is regarded as a curiosity.“ Marc Sageman. Leaderless Jihad. Terror Networks in the twenty-first Century.  University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008, s. 105

[11] Danièle Hervieu-Léger. Pilger und Konvertiten. Religion in Bewegung. Würzburg: Ergon, 2004, S. 17

[12] Reinhard Hempelmann. Intoleranter Atheismus. In: EZW Materialdienst 1/2008, S. 3

[13] So die Erhebung des Religionsmonitors 2008: Muslimische Religiosität in Deutschland. Überblick zu religiösen Einstellungen und Praktiken. Bertelsmann Stiftung: Gütersloh 2008, S. 54

[14] Julia Gerlach. Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland. Lizenzausgabe Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn, 2006, S. 210

[15] Muslimisches Leben in Deutschland a. a. O., S. 139+307

[16] Brettfeld; Wetzels. a. a. O., S. 138

[17] Religionsmonitor 2008, a. a. O

[18] Die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, a. a. O., S. 58, nennt eine – allerdings sehr vage – Gesamtzahl von 13.000 bis 100.000 Konvertiten für Deutschland.

[19] So schätzt Monika Wohlrab-Sahr 1996 aufgrund von Feldstudien in Deutschland und den USA die Zahl der Konvertiten bis 1996 aufgrund von Eheschließung bei Frauen auf 2/3 der Gesamtzahl: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA – eine funktionale Perspektive. In: Hubert Knoblauch; Volkhard Krech; Monika Wohlrab-Sahr (Hg.) Religiöse Konversion. Systematische und fallorientierte Studien in soziologischer Perspektive. Universitätsverlag Konstanz: Konstanz, 1998, S. 125-146, hier S. 129

[20] Vgl. die biographische Erzählung einer Konvertitin aus evangelischem Elternhaus: Johanna al-Sain; Ernst Schrupp. Ich kämpfte für Allah. Eine Frau auf der Suche nach Wahrheit. R. Brockhaus: Wuppertal, 2000

[21] In einer britischen Feldstudie wurde lediglich eine Zahl von 10% Konvertiten erhoben, die eine positive bzw. unterstützende Reaktion ihrer Umwelt erlebt hatten. Die ablehnenden Reaktionen gliederten sich auf in dauerhaft und vorübergehend ablehnende Reaktionen: Kate Zebiri. British Muslim Converts. Choosing Alternative Lives.  One World: Oxford, 2008, S. 71ff.

[22] Hervieu-Léger. Pilger. a. a. O., S. 96

[23] Islamische Jugendtrends in Deutschland: Zwischen Integration und Provokation. In: Themenheft: Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus, hg. von der Bundeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, Berlin 2008, S. 8

[24] Manche Konvertiten berichteten allerdings, dass sie in der neuen muslimischen Gemeinschaft immer am Rand gestanden hätten, nie jedoch Verantwortung übernehmen und Einfluss ausüben konnten. Einigen Konvertiten begegneten weniger praktizierende Muslime mit Ablehnung. Zebiri. Converts. a. a. O., S. 62-67

[25] So Zebiri. Ebd., S.  55+57

[26] Ablehnend etwa die Stellungnahme der – selbst zum Islam konvertierten – Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald. New Muslims in the European Context. The Experience of Scandinavian Converts. E. J. Brill: Leiden, 2004, S. 94; von Krisenerfahrungen als möglichem Beweggrund für eine Konversion geht dagegen Monika Wohlrab-Sahr aus: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA. Frankfurt: Campus, 1999, S. 357+360

[27] Gerlach. Pop. a. a. O., S. 96

[28] Deutsche Islam-Konvertiten. Islam als Alternative? (http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-640/i.html) (19.12.2009)

[29] So u.a. eine Studie der britischen Regierung: Pursue, Prevent, Protect, Prepare. Countering the terrorist threat: The UK Government’s strategy, S. 42 (http://www.fco.gov.uk/resources/en/pdf/3849543/pppp-strategy.pdf) (21.12.2009)

[30] „Since they are engineers and not Islamic scholars, they do not know much about 1,400 years of Quranic commentaries.“ Marc Sageman. Leaderless Jihad. Terror Networks in the twenty-first Century.  University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008, S. 59

[31] S. z. B. den Bericht von Alexander Ritzmann. Wie man Terroristen mit Terroristen bekämpft. Die Welt, 23.4.2008 (http://www.welt.de/politik/article1929216/Wie_man_Terrorismus_mit_Terroristen_bekaempft.html) (22.12.2009)

[32] So übereinstimmend alle verfügbaren Studien zur Radikalisierung von Jihadisten. Eine ausführlichere Begründung s. z. B. bei: Profiling Islamic Suicide Terrorists. A Research fort he Danish Ministry of Justice, submitted 27 November 2003, S. 18-19 (http://www.cpt-mi.org/pdf/profiling_arab_terr.pdf) (21.12.2009)

[33] So auch Sageman. Jihad. a. a. O., S. 48

[34] Frankreichs Innenministerium beschäftigte sich bereits 2008 auf einer europäischen Expertenkonferenz mit der Problematik, dass  Gefängnisse – und das gilt nicht nur für Frankreich – heute bevorzugte Orte der Radikalisierung von Muslimen geworden sind. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie der Quilliam-Foundation für britische Gefängnisse: „Universitäten des Terrors“: Studie über Muslime in britischen Gefängnissen, FAZ, 17.11.2009, S. 6

[35] Zu diesem Ergebnis kommt auch die europaweit angelegte Studie des in London ansässigen „Change Institute“ der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2008: „Studies into violent radicalisation; Lot 2. The beliefs, ideologies and narratives“, S. 4 (http://ec.europa.eu/justice_home/fsj/terrorism/prevention/docs/ec_radicalisation_study_on_ideology_and_narrative_en.pdf) (21.12.2009)

[36] So auch Oliver Roy. Al-Qaeda: A True Global Movement. in: Rik Coolsaet. Jihadi Terrorism and the Radicalisation Challenge in Europe. Ashgate: Aldershot, 2008, S. 109-114, hier S. 112

[37] „It is the forums not the images of the passive websites, which are crucial in the process of radicalization. People change their minds through discussions with friends, not by simply reading impersonal stories.“ Sageman. Jihad. a. a. O., S. 116

[38] http://www.nypdshield.org/public/SiteFiles/documents/NYPD_Report-Radicalization_in_the_West.pdf (22.12.2009)

[39] Diese Zahl nennt Roy. Al-Qaeda. a. a. O., S. 111

[40] „I was sixteen years old and I had no white friends. My world was entirely Asian, fully Muslim. This was my Britain.“ Ed Husain. The Islamist. Why I joined radical Islam in Britain, what I saw inside and why I left. Penguin Books: London, 2007, S. 35

[41] Hamed Abdel-Samad. Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland. Köln: Fackelträger, 2009

[42] „Verfluchte Freiheit“. Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. In: ufuq Nr. 15/Dezember 2009, S. 7 (http://ufuq.de/newsblog/607-verfluchte-freiheit-ein-gespraech-mit-hamed-abdel-samad) (21.12.2009)

[43] Ebd.

[44] Die Einteilung in diese beiden Gruppierungen belegt ausführlich der Direktor des Immigration and National Security Prgramms am Nixon Center, Robert S. Leiken. Europe’s Angry Muslims. In: Foreign Affairs. 84/2005, S. 120-135, hier S. 126/127

[45] Gerlach. Pop. a. a. O., S. 218

[46] So ein Interviewpartner der Studie von Brettfeld; Wetzels. Muslime. a. a. O., S. 450

[47] Auf diesen Aspekt der familiären Entwurzelung weist besonders die Studie des dänischen Justizministeriums hin, die die Profile von 247 an 193 Angriffen (1982-2003) beteiligten Tätern, allerdings nicht ausschließlich für Europa, erstellte: Suicide Terrorists. a. a. O., S. 15

[48] Sageman. Jihad. a. a. O., S. 65

[49] So ein Ergebnis der Studie des MI 5: Behavioural Science Unit Operational Briefing Note: Understanding radicalisation and violent extremism in the UK gemäß der Zusammenfassung unter http://www.guardian.co.uk/uk/2008/aug/20/uksecurity.terrorism (22.12.2009)

[50] „counter-cultural groups … The emphasis is on emotional participation.“ Karsten Hundeide. Becoming a committed Insider. In: Culture & Psychology 9/2003, S. 107-129, hier S. 122

[51] So für die Niederlande zusammenfassend Rudolph Peters. Dutch Extremist Islamism: Van Gogh’s Murderer and His ideas. In: Coolsaet. Terrorism. a. a. O., S. 126

[52] So auch Quintan Wiktorowicz: Al-Muhajiroun and Radical Islam, S. 5 (http://insct.syr.edu/Projects/islam-ihl/research/Wiktorowicz.Joining%20the%20Cause.pdf) (21.12.2009)

[53] „Cut off from Britain, isolated from the Eastern culture of our parents, Islamism provided us with a purpose and a place in life.“ Husain. Islamist. a. a. O., S. 73

[54] „Instead of goal-less drifting and seeking of egocentric pleasures, members become part of a collective and challenging project that mobilizes all their enthusiasm, commitment and willingness to sacrifice. This is what civic society cannot so easily offer them: they are offered a place inside a community that gives them acceptance and belonging plus direction and meaning to their life.“ Hundeide. Insider. a. a. O., S. 123

[55] „Youngsters with a strong need for belonging and acceptance are exposed to ‚love bombing’ … love, acceptance and personal confirmation and inclusion into a brother/sisterhood of friends.“ Ebd., S. 113

[56] Brettfeld; Wetzels. Muslime. a. a. O., S. 494

[57] Sageman. Jihad. a. a. O., S. 94

[58] So auch der Lösungsansatz von Collin Mellis, Policy Advisor on Radicalisation, City of Amsterdam in seinem 2006 veröffentlichten Papier: Amsterdam and Radicalization. The Municipal Approach, S. 4 (http://www.docstoc.com/docs/17285589/Amsterdam-and-Radicalization), vgl. auch die ausführlichere niederländische Fassung: Ders.: Amsterdam tegen Radicalisering (http://www.vng.nl/Praktijkvoorbeelden/VEIL/2007/amsterdam_tegen_radicalisering_2007.pdf) (21.12.2009)

[59] Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie der britischen Regierung: Pursue. a. a. O., S. 10

Muslime in Deutschland

Februar 28, 2012 by · Leave a Comment 

Eine Studie des Bundesinnenministeriums
zu:
Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt
Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels, 509 S., Hamburg 2007[1]

Ergebnisse der Studie – Eine Zusammenfassung

Warum diese Studie?

Kurz vor dem Jahresende 2007 erschien eine umfangreiche, vom Bundesinnenministerium herausgegebene Studie unter dem Titel „Muslime in Deutschland“. Unter der Leitung der Hamburger Kriminologen Karin Brettfeld und Peter Wetzels erfragte die Studie Einstellungen von Muslimen in Deutschland zu Integration und Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und politisch-religiös motivierter Gewalt. Der Umfang von über 500 Seiten Statistik sowie die Auswertung der Antworten von rund 1.700 Befragten aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft steht für eine relevante Erhebung, die aufgrund des Umfangs der Datenerhebung und ihre wissenschaftlich fundierte Aufbereitung zu Themen Aufschluss gibt, zu denen Kenntnisse seit geraumer Zeit dringend wünschenswert erschienen. Die Studie füllt daher eine echte Lücke, auch wenn Teilstudien zu einzelnen Aspekten in kleinerem Umfang bereits durchgeführt wurden.

Ab 2004 wurden Daten erhoben und ausgewertet: die gesamte, noch vom damaligen Innenminister Schily initiierte Untersuchung umfasste also einen Zeitraum von drei Jahren. Die Erhebung beschränkte sich auf einige städtische Zentren, der ländliche Bereich konnte nicht erfasst werden. Selbst wenn berücksichtigt wird, dass städtische Zentren mit einer größeren Anzahl von Muslimen und einem größeren Angebot an Moscheen und Kulturvereinen einen besonderen Charakter des muslimischen Gemeinschaftslebens aufweisen, besteht auf der anderen Seite kein Anlass zu der Annahme, dass die im städtischen Bereich gewonnenen Ergebnisse im ländlichen Bereich signifikant davon abweichend ausfallen würden.

Von Bedeutung ist die Studie zum gegenwärtigen Zeitpunkt, weil sie einmal ein Beitrag zur dringend notwendigen Bestandsaufnahme muslimischen Lebens in Deutschland ist. Nach einer langen Geschichte der Verweigerung der Erkenntnis, dass die muslimischen „Gastarbeiter“ der 60er Jahre auf Dauer in Deutschland leben würden und der weithin ungeplanten und ungesteuerten Zuwanderung von Menschen aufgrund politischer Verfolgung, Asylersuchen, wirtschaftlicher Not sowie Familiennachzug in den vergangenen Jahrzehnten war es längst an der Zeit, sich mit der gesellschaftlichen und politischen Positionierung des auf heute 3,2-3,5 Mio. Menschen angewachsenen muslimischen Bevölkerungsteils auseinander zu setzen.

Zudem ist die Studie in einer Zeit von Bedeutung, in der zahlreiche Terroranschläge muslimischer Terroristen und Extremisten verübt wurden. Auch in Deutschland gilt Sicherheitsexperten die Gefahr keineswegs als gebannt. Daher ist eine solche Studie schließlich auch Voraussetzung, um ein mögliches Bedrohungsszenario durch extremistische Kräfte erkennen und Gegenmaßnahmen ins Auge fassen zu können. Dabei – und darin sind sich Sicherheitsexperten weitgehend einig – geht es nicht nur darum, den Anteil der muslimischen Bevölkerung zu erfassen, der schon jetzt religiös-motivierte Gewalt rechtfertigt oder sogar schon zu Anschlägen bereit oder an ihnen beteiligt ist, sondern auch darum, zu verstehen, mit welchen Begründungen und in welchen Bereichen eine so große Distanz zur deutschen Gesellschaft oder sogar Ablehnung der Rechtsordnung der Bundesrepublik besteht, dass durch die Wirkung religiös begründeter Fundamentalismen der Boden für Radikalismen und Extremismen bereitet werden kann.

Zielgruppen der Studie

Vor Erscheinen der Studie war die Frage, wie hoch der religiös-politisch motivierte Gewalt befürwortende Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland sei, meist mit Verweis auf die 1% (rund 30.000 Muslime) Mitglieder extremistischer Organisationen beantwortet worden. Dass nur eine Minderheit der muslimischen Bevölkerung in Deutschland extremistischen Positionen nahesteht und religiös-motivierte Gewalt befürwortet, zeigt auch die Studie des BMI. Dennoch besteht kein Grund dafür, sich unbesorgt zurück zu lehnen. Einfache Antworten verbieten sich nach Lektüre der Studie „Muslime in Deutschland“; die Problematik ist viel komplexer als dass sie mit einem Verweis auf nur 1% Mitglieder in islamisch-extremistischen Gruppen bewältigt werden könnte.

Die Studie gliedert sich in vier Bereiche, die der Befragung von vier Zielgruppen und der Analyse ihrer Antworten entspricht: Die erste Befragung richtet sich an eine nicht-spezifizierte Gruppe der muslimischen Wohnbevölkerung, die durch eine standardisierte Telefonbefragung von rund 1.000 Personen erreicht wurde. Die Ergebnisse dieser Befragung werden den Antworten dreier Sondergruppen gegenüber gestellt: 500 Schülern der 9. und 10. Klassen zwischen 14 und 18 Jahren, 150 muslimischen Studierenden sowie 60 Mitgliedern bzw. Aktivisten islamischer Vereine, Organisationen und Moscheen.

Insgesamt wurden also Antworten von über 1.700 Muslimen in die Auswertung einbezogen; das Bildungsniveau der Befragten reichte vom Hauptschul- bis zum Hochschulniveau, die Altersspanne umfasste das gesamte Spektrum ab 14 Jahren, der geographische Raum der Untersuchungen die Städte Hamburg, Berlin, Köln und Augsburg. Die Mehrheit der Befragten war türkischer Herkunft, was auch der nationalen Verteilung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland entspricht.

Ergebnisse

Ein erstes wichtiges – wenn auch vor dem Hintergrund früherer Untersuchungen nicht überraschendes – Ergebnis lautete, dass die Mehrzahl der Muslime in Deutschland der Religion in Theorie und Praxis eine hohe Bedeutung beimisst. „Die Befunde mehrerer Studien zur Religionspraxis zeigen weiter, dass der Islam weit in den Alltag der Muslime hinein in vielfältigen Formen Wirksamkeit entfaltet und eine mächtige Kraft der Alltagsgestaltung wie auch der Strukturierung sozialer Beziehungen darstellt“ (21).

Im Vergleich zu früheren Erhebungen wird deutlich, dass die Zahl derjenigen, die sich als religiös oder sogar sehr religiös bezeichnen, in den letzten Jahren nochmals gestiegen ist. Über 85% der Muslime in Deutschland bezeichnen sich als „gläubig“ oder „sehr gläubig“ (138); die Zahl der mindestens wöchentlichen Moscheebesucher stieg zwischen 2000 und 2005 von 30,7% auf 41,6% (22). Nur einer Minderzahl kann politisch-fundamentalistische Tendenzen zugeschrieben werden; die Mehrzahl ist in religiöser Hinsicht traditionell, orthodox oder fundamental orientiert (140).

Zugenommen hat nicht nur der Moscheebesuch, sondern z. B. auch die Befürworter des Kopftuchtragens bei Frauen: 2005 hatten 46,6% der Aussage zustimmten, dass Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen sollten, während dies 2000 erst 27,2% bejaht hatten (23). Und auch die Zahl derjenigen, die eine Koranschule besucht haben, liegt bei den jüngeren Muslimen in Deutschland deutlich höher als bei den älteren (112), am höchsten liegt sie interessanterweise bei den in Deutschland Geborenen mit 60,2%. Je länger der Koranschulbesuch andauerte, je stärker ist eine religiös fundamentale Orientierung fest zu stellen (134) – was vor dem Hintergrund der Ergebnisse frührer Studien über die integrationshemmende Rolle von Koranschulen ebenfalls nicht überraschen kann.[2]

Die Studie betont nachdrücklich und zurecht, dass eine religiös-orthodoxe, althergebracht-traditionelle oder fundamentale Ausrichtung nicht vorschnell mit Gewaltbereitschaft und Extremismus gleichgesetzt werden darf. Auch der Islam lehrt keineswegs den Terrorismus als Glaubensziel, und wer fünfmal täglich betet, steht Gewalt und Extremismus zunächst in nichts näher als der Nichtreligiöse. Wer in einer weitgehend säkular geprägten Gesellschaft an religiösen Riten und Überzeugungen festhält, mag manchem verdächtig erscheinen – ein Terrorist ist er deshalb noch lange nicht. Um von der religiösen Strenggläubigkeit in den Extremismus abzugleiten, bedarf es weiterer fördernder Momente, Einstellungen und Entwicklungen (die meisten Muslime würden sagen: Fehlentwicklungen), damit schließlich aus einem an den Islam gläubigen Menschen ein Befürworter von Kampf und Gewalt gegen die „Ungläubigen“ wird. Auch in diesem Bereich, für die Erläuterung der notwendigen Unterscheidung zwischen einem Gläubigen und einem Extremisten, leistet die Studie einen wertvollen Beitrag.

1. Die muslimische Wohnbevölkerung

Die Antworten von rund 1.000 Personen wurden nach einer telefonischen Befragung ausgewertet; knapp ein Drittel besaß die deutsche Staatsbürgerschaft (192). Dennoch definierten sich nur 12,2% eher als Deutsche (193). Das durchschnittliche Bildungsniveau der Befragten war eher gering, fast 70% besaßen einen Hauptschulabschluss oder eine geringere Bildung, nur knapp 12% waren Akademiker (192/193).

Integration

19,4% können als sprachlich und sozial schlecht integriert betrachtet werden, weitere 37,6% als mäßig integriert, nur 32% als zufriedenstellend bis gut und 11,9% als sehr gut integriert (96), abhängig vom Alter der Zuwanderung: „Eine sehr gut gelungene, alltäglich praktizierte Integration ist nur bei etwas mehr als 10% zu erkennen“ (103) – in dieser Klarheit ein Ergebnis, was nachhaltig zu denken geben und geradezu zum politischen Handeln aufrufen muss. Segregation und Abschottung wird von der überwältigenden Mehrheit von über 80% zwar abgelehnt, die Vernachlässigung der eigenen Kultur jedoch ebenso (99); eine Bereitschaft zur Integration ist zwar da, die aber mit der Betonung der Notwendigkeit einer Beibehaltung der eigenen Kultur einhergeht. Knapp die Hälfte der muslimischen Wohnbevölkerung fühlt sich ihrerseits von der deutschen Bevölkerung abgelehnt (109).

Zurücksetzung und Gewaltbereitschaft

Fast 90% macht es „wütend“, „wenn nach Terroranschlägen immer als Erstes Muslime verdächtigt“ werden (108), sie fühlen sich als Muslime kollektiv und global marginalisiert. Über 90% lehnen die Tötung anderer Menschen im Namen Gottes als nicht legitimierbar ab, über 90% halten eine Person, die „junge Muslime auffordert oder dazu anleitet, Selbstmordattentate zu begehen“, für einen „gottlosen Kriminellen“ (177). Andererseits stimmten rund 44% der Aussage „eher“ oder „völlig zu“, dass „Muslime, die im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben … ins Paradies“ kommen, also von Gott für ihre Taten belohnt werden (176). Knapp unter 40% halten „die Anwendung physischer Gewalt als Reaktion auf die Bedrohung des Islams durch den Westen für legitim“ (191).

Religion und Religionsfreiheit

Fast 87% bezeichnen sich als persönlich gläubig oder sehr stark gläubig, wobei die Gläubigkeit mit einem niedrigeren Schulabschluss zunimmt (112). Rund 40% der muslimischen Wohnbevölkerung können als „fundamental orientiert“ gelten (195): 79,6% stimmen der Aussage „völlig zu“, dass der Koran die wahre Offenbarung Gottes ist, weitere 9,4% stimmen „eher zu“; zusammen 89% (116). Mit dem hohen Anteil derjenigen, die von der Wahrheit ihrer Religion überzeugt sind, geht auch der Alltagsbezug zur Religion Hand in Hand; Riten und Gebote des Islam werden hoch geachtet, auch wenn sie nicht immer im Detail eingehalten werden (117).

Obwohl sich bei diesem wie auch allen Bevölkerungssegmenten zeigt, wie stark die Religionsfreiheit in Deutschland geschätzt wird, stimmen rund 30% „völlig“ oder „eher zu“, dass es verboten sein sollte, Muslime dazu zu bringen, die Religion zu wechseln (118) – was eine Einschränkung der öffentlichen Darstellung anderer Religionen und damit eine Einschränkung der Religionsfreiheit bedeuten würde. 45 % stimmen „völlig“ oder „eher zu“, dass „nur der Islam in der Lage ist, die Probleme unserer Zeit zu lösen“ (119). 48,4% „bejahen die Aussage, dass Demokratie in Deutschland mit verantwortlich für eine hohe Kriminalität sei“ (141), 46,7% stimmen „eher“ oder „völlig zu“, dass „die Befolgung der Gebote meiner Religion … für mich wichtiger (ist) als Demokratie“ (141), was ungefähr den Ergebnissen früherer Umfragen entspricht, dass rund die Hälfte der muslimischen Bevölkerung in Deutschland den Koran und die Demokratie für unvereinbar hält. 33,6% befürworten die Todesstrafe, für Deutschland befürworten rund 9,4% die Strafen der Scharia (141) – was in absoluten Zahlen einem Anteil von über 300.000 Menschen entspricht.

Radikalismen

Mit dem Koranschulbesuch, dem Konsum (ausschließlich) nichtdeutscher Medien sowie dem Engagement ausschließlich in islamischen Vereinen steigt die Demokratiedistanz und Distanz zur Rechtsstaatlichkeit deutlich an (167+173), die insgesamt bei rund 10% der Muslime deutlich erkennbar und um so höher ist, je schlechter die sprach-praktische Integration gelungen ist (173). Unter den stark Religiösen (fundamental Orientierten) ist die Demokratiedistanz am größten, betrifft allerdings auch dort nur einen harten Kern von rund 15% (173).

Besonders anfällig für Radikalismen scheinen einmal besonders gut gebildete Gruppen zu sein, die zwar selbst wenig Diskriminierungserfahrungen in Deutschland gemacht haben, diese aber global für „die Muslime“ annehmen. Die zweite Gruppe der Radikalisierungsgefährdeten stellen Menschen mit geringer Bildung und aktiven Diskriminierungserfahrungen dar, die dritte Gruppe religiös traditionell orientierte Menschen. Im Ergebnis ist die eigene fehlende Teilhabe an der Gesellschaft bzw. eine Marginalisierung zwar sicher problematisch, aber nur für einen Teil Auslöser für eine mögliche Radikalisierung (166).

Rechnet man die Gruppe der hoch Demokratiedistanten zu denjenigen hinzu, die in hohem Maß religiös-politisch motivierte Gewalt für legitim halten, geht die Studie von einem Anteil von insgesamt 13,9% der Muslime in Deutschland aus (185), eine „durchaus substanzielle Minderheit mit einer problematischen Einstellung zu Gewalt und/oder Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ (185), die ein deutliches Radikalisierungspotential aufweist. „Hohe Akzeptanz politisch-religiös motivierter Gewalt zeigt nur eine kleine Minderheit von 6%“ (190).

Eine fundierte Bildung ist also ein Faktor, der eine Entwicklung zur Radikalisierung unwahrscheinlicher macht, aber nicht ausschließt, was die Gruppe der höher Gebildeten mit einer starken Ablehnung der westlichen Lebensweise und Gesellschaftsordnung zeigt – von daher ist es richtig, die Bedeutung von Bildung zu betonen, da im höheren Bildungssegment ein geringerer Anteil religiös-politisch motivierte Gewalt für gutheißt, auf der anderen Seite aber zeigt sich hier empirisch, dass Radikalismus nicht mit Bildung allein zu bekämpfen ist, da sich unter den Befürwortern von politisch-religiös motivierter Gewalt auch ein Anteil Gebildeter befindet.

„Insgesamt führen die Ergebnisse dieser Befragung zu der Schlussfolgerung, dass in der muslimischen Wohnbevölkerung auf der Einstellungsebene ein relevantes Potenzial besteht, das sich als Resonanzboden und Rekrutierungsfeld für Radikalisierungen und Extremismen eignen kann“ (201).

2. Schüler der 9. und 10. Klassen

Rund 500 muslimische Jugendliche aus unterschiedlichen Schulformen in Köln, Augsburg und Hamburg wurden gemeinsam mit nichtmuslimischen Jugendlichen schriftlich befragt, so dass sich Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Bildungssegmenten, aber auch zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Migranten wie einheimischen Nichtmuslimen ziehen ließen.

Knapp 40% der befragten muslimischen Schüler besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft (212), rund 70% stammten von türkischem Hintergrund (213), 77% lebten seit ihrer Geburt in Deutschland (214). Dennoch fühlte sich auch hier ein hoher Anteil, 27,2%, nur ihrem Heimatland verbunden (219), was für die meisten von ihnen das Herkunftsland der Eltern und Großeltern ist. Bei einem Drittel der Jugendlichen sind deutliche Tendenzen zur Segregation von der Mehrheitsgesellschaft erkennbar (265). Knapp über 10% äußern sich zustimmend zu der Berechtigung von Körperstrafen auch in Deutschland (267), 14,2% werden als demokratiekritisch eingestuft (272), während es als Vergleich bei den deutschen Nichtmuslimen 10,5% sind (337).

Radikalismen

Über 15% der muslimischen Jugendlichen äußern antisemitische Vorurteile (275), in deutlich geringem Maß jedoch gegen Christen. Bei einheimischen Nichtmuslimen ist dagegen der Anteil derjenigen, die gegen Muslime Vorurteile äußern, mit fast einem Fünftel noch höher. Nur 6,4% der muslimischen Jugendlichen werden als islamismusaffin betrachtet (295); aber 24% als gewaltaffin (310) – gegenüber 14,9% der einheimischen Jugendlichen: „In der Summe ist daher festzuhalten, dass mit islamischer Religionszugehörigkeit eine signifikant erhöhte Akzeptanz von Gewalt verbunden ist“ (312). Bei Nichtmuslimen (Christen) ist eine umgekehrte Tendenz erkennbar: eine erhöhte Religiosität senkt die Gewaltaffinität auf rund 3% (315+319).

Intoleranz und Demokratiedistanz

11,6% weisen eine starke Distanz zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf (306). „Werden starke antisemitische oder antichristliche Vorurteile und/oder hohe Demokratiedistanz gemeinsam als Merkmale zusammengefasst, die eine Risikogruppe umschreiben, dann läßt sich auf Basis der vorliegenden Daten für fast ein Viertel der jungen Muslime eine solche Problematik erkennen (23,8%). Es handelt sich um eine nicht zu unterschätzende Minderheit mit deutlichen Anzeichen von Intoleranz, Demokratiedistanz bzw. autoritaristischen Zügen.“ (308) Kommt zudem die Gewaltbefürwortung hinzu, liegt der Anteil bei 29,2%. (341), mehr als ein Viertel der muslimischen Jugendlichen – kein geringes und zu vernachlässigendes Potential.

Wer stark demokratiedistant und religiös vorurteilsbehaftet sowie intolerant ist, neigt eher zur Befürwortung von Gewalt (339). Etwa ein Viertel der Jugendlichen bejaht die eigene Bereitschaft zu körperlicher Gewalt gegen Ungläubige im Dienst der islamischen Gemeinschaft (319). Insgesamt ist dieser Anteil bei den Jugendlichen etwa doppelt so hoch wie bei der islamischen Gesamtbevölkerung, das „Potenzial der für politische Radikalisierung bis hin zu massiver Gewalt ansprechbaren jungen Muslime bei den jungen Menschen (ist) deutlich größer als in der Allgemeinbevölkerung“ (321), insbesondere bei gering gebildeten jungen Männern mit Diskriminierungserfahrungen und einer fundamental-religiösen Ausrichtung (327). Eine religiöse Ausrichtung alleine oder schlechte soziale Rahmenbedingungen oder geringere Bildungschancen verursachen jedoch noch keine Gewaltbefürwortung. Elterliche Gewalterfahrungen, traditionelle Rollenauffassungen und Männlichkeitsvorstellungen spielen hier eine größere Rolle (330).

Die Bedeutung der Religion

87,2% der Jugendlichen bezeichnen sich als gläubig (der Anteil ist noch etwas höher als unter der allgemeinen Bevölkerung), davon sind 44,2% als fundamental orientiert zu bezeichnen, für die die Religion im Alltag von großer Bedeutung ist und die eine wertgetreue, rigide Befolgung der koranischen Gebote betonen (263). Die nichtmuslimischen Migranten bezeichnen sich demgegenüber zu 45,6% als gläubig, die einheimischen Jugendlichen nur zu 19,1% (242). Bei muslimischen Jugendlichen geht die erhöhte Religiosität mit geringerer Bildung und einem korrelierenden längeren Koranschulbesuch einher, dessen Ergebnis eine stärker fundamentale Orientierung ist. Bei den einheimischen Jugendlichen geht umgekehrt eine vermehrte Religiosität mit höherer Bildung einher (246+262).

Bildung und Ausgrenzung

Auffallend ist, dass das Bildungsniveau muslimischer Jugendlicher (Gymnasialquote: 14,6%) signifikant niedriger ist als bei einheimischen (45,8%), aber auch bei nichtmuslimischen Migranten (34,1%). 63,3% der Muslime berichteten, sie hätten „nur wenige“ oder „gar keine deutschen Freunde“, bei nichtmuslimischen Migranten waren dies nur 47,1% (220).

Die sprachlich-praktische Integration der muslimischen Jugendlichen war signifikant geringer als die der nichtsmuslimischen Jugendlichen, bei über 40% liegen hier Probleme (223+224). Die jungen Muslime befürworten nur zu 45,4% die Anpassung ihres Verhaltens an die deutsche Kultur und fordern stattdessen Akzeptanz ein, bei der muslimischen Allgemeinbevölkerung befürworteten dagegen 82,6% die Anpassung (225). Im Ergebnis pochen junge Muslime stärker als Nichtmuslime auf die Beibehaltung ihrer eigenen Kultur. 35,9% beurteilen jedoch gleichzeitig die deutsche Aufnahmegesellschaft als ihnen ablehnend gegenüber (239); fast 80% berichten von Begebenheiten der Ausgrenzung und negativen Behandlung in den letzten 12 Monaten (241).

Abgesehen von der deutlich erkennbaren Distanz vieler muslimischer Jugendlicher zur deutschen Gesellschaft ist, dass zwischen 14,3 und 19,5% der einheimischen Jugendlichen extrem ausländerfeindliche Einstellungen zeigen. 15,3% stimmten „eher“ oder „völlig“ einer grundsätzlichen Überlegenheit der Deutschen anderen Völkern gegenüber zu (231), 43,4% vertreten, dass die „meisten Ausländer Kriminelle seien“ (231). 17,1% der einheimischen deutschen Jugendlichen begegnen Muslimen mit Intoleranz, Vorurteilen und befürworten Gewalt (233), fast 50% befürworten, dass anpassungsunfähige oder – willige Ausländer Deutschland wieder verlassen sollten (235) – hier liegt ein erhebliches Konfliktpotential.

3. Studierende

Als dritte Gruppe wurden aus einer Befragung von insgesamt über 1.000 Studierenden in Hamburg, Augsburg und Köln sowie der Charité in Berlin knapp 200 muslimische Studierende als Auswertungsgruppe herangezogen. Die überwiegende Zahl der muslimischen Befragten stammte auch hier wieder von türkischem Hintergrund; alle Befragten studierten mindestens im 6. Semester.

Auch bei den Studierenden spielte ihre Herkunftskultur und der Bezug und die Verbundenheit mit den eigenen Wurzeln eine große Rolle, denn auch von diesem Bevölkerungssegment wird betont, dass eine Beibehaltung der heimischen Kultur bei aller – ebenso vorhandener – Anpassungsbereitschaft bei über der Hälfte der Studierenden – gleichermaßen wichtig sei (417). Nur 10% äußern eine „kulturelle primäre Identifikation mit Deutschland“ (363). Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die Frage der Verbundenheit und Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft keine Frage der Bildung ist. Als am besten integriert können diejenigen gelten, die schon im Kindes- oder Jugendalter nach Deutschland kamen (357). Insgesamt liegt die Rate derjenigen, die in sprachlich-sozialer Hinsicht gut oder sehr gut integriert sind, unter den Studierenden bei 78,9% (358).

Diskriminierungen

Bemerkenswert ist, welche hoher Anteil der muslimischen Studierenden Ausgrenzungen und Diskriminierungen benennt: Mehr als 60% der muslimischen Studierenden gibt an, als Ausländer bereits „komisch angeschaut“ worden zu sein, Nichtmuslime geben dies nur zu etwas über 40% an. Auch führen muslimische Studierende zu über 50% eine Benachteiligung bei Polizei oder Behörden an, die sie darauf zurückführen, dass sie Ausländer sind, während dies nur rund ein Drittel der Nichtmuslime so empfindet (365). 33,7% der muslimischen Studierenden berichten von schweren oder sehr schweren Diskriminierungen (372), eine Rate, die bei nichtmuslimischen Studierenden deutlich niedriger liegt. Hier werden also bestimmte Begebenheiten offensichtlich von Muslimen anders interpretiert als von Nichtmuslimen, was sich durch die hohen Werte der Zustimmung zu einer als global empfundenen Marginalisierung der Muslime deutlich erhärten lässt.

Hier ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen der sprachlich-praktischen Integration und dem Ausmaß der persönlich empfundenen Zurücksetzung – der Viktimisierungserfahrung – zu erkennen (367). Zu 43,2% fühlen sich muslimische Studenten von der deutschen Bevölkerung abgelehnt (369) und fast 83% empfinden persönlich „Wut“ über die sofortige Verdächtigung von Muslimen bei Terroranschlägen (371), was eine weite Verbreitung von kollektiven Marginalisierungswahrnehmungen bedeutet.

Religion und Demokratie

Auch unter den Studierenden hat die Religion eine hohe Bedeutung. 76,7% bezeichnen sich als gläubig, davon knapp 20% als sehr gläubig (373), über zwei Drittel halten den Koran für die wahre Offenbarung Gottes (377). Auch hier gilt, dass religiöse Orthodoxie oder Traditionalismus nicht mit Extremismus oder Gewaltbereitschaft gleichzusetzen sind (402).

Im Vergleich zur allgemeinen Wohnbevölkerung ist vor allem der Anteil der fundamental Orientierten – die korrelierend dazu deutliche schlechtere Integrationswerte zeigen sowie höhere Werte erlebter Diskriminierung angeben (388) – unter den Studierenden deutlich geringer und der gering Religiösen mit knapp 35% vergleichsweise höher (383). Gleichwohl vertreten 17,8%, dass die religiösen Gebote des Korans höheren Stellenwert besäßen als die Demokratie und etwa ein Drittel äußert sich in Bezug auf die Scharia in Deutschland in allgemeiner Weise positiv, eindeutig zustimmend jedoch nur 7% (389). Insgesamt gelten innerhalb der Gruppe der Studierenden 8,2% als „hoch demokratiedistant“ (390), 9,4% äußern antisemitische Vorurteile (Nichtmuslime mit Migrationshintergrund zu 4,9%) (394), die Neigung zu autoritaristisch-islamistischen, antisemitischen, antichristlichen und demokratiedistanten Einstellungen ist unter den muslimischen Studierenden mit insgesamt 14,9% (rund 15%) insgesamt deutlich geringer als unter den Schülern (23,8%) (403), aber immer noch eine signifikante Minderheit.

Neben den rund 6% islamismusaffin eingestellten Studierenden existiert ein weiteres Viertel religiös rigide eingestellter Studierende, die ein mittleres Maß an Demokratiedistanz, verbunden mit einer allgemeinen Bejahung der Scharia angeben. Hier sind die Anpassungsbereitschaft eher gering und die Abschottungstendenzen eher groß zu nennen, so dass hier vor dem Hintergrund einer stark wahrgenommenen Marginalisierung der muslimischen Gemeinschaft und konkret erlebter Diskriminierungen leicht der Boden für eine Radikalisierung bereitet werden kann (404). Dieses kritische Potenzial unter den Studierenden, die einer latenten Radikalisierungsgefahr unterliegen, wird von den Autoren der Studie in einer Größenordnung von rund 30% eingeschätzt, wenn als gefährdende Faktoren die Befürwortung der Scharia, eine Distanz zu Demokratie, religiöse Vorurteile und eine rigide Ausrichtung an der Religion hinzugezogen werden (404+405).

Religiös-politisch motivierte Gewalt wird von den Studierenden deutlich weniger befürwortet als vom muslimischen Bevölkerungsdurchschnitt und von über 80% abgelehnt, insgesamt unterscheiden sich hier muslimische wie nichtmuslimische Studenten nicht signifikant voneinander (415). Insgesamt zeigt sich, dass eher die auf das Ausland bezogene global marginalisierte und unterdrückte Position der Muslime weltweit als Faktor für eine mögliche Radikalisierung in Frage kommen als persönliche Erfahrungen der Zurückweisung in Deutschland (416).

„Damit ist auch unter den hoch gebildeten Muslimen, als welche Studierende hier angesehen werden müssen, sehr wohl eine Risikogruppe genauer zu lokalisieren. Bedeutsam ist hier – neben einer religiösen Ausrichtung in einer Form, die eine starke Abwertung des Westens und eine pauschale Aufwertung des Islam in sich trägt – die intensive Auseinandersetzung mit der Lage der Muslime in der Welt und die subjektive Wahrnehmung ihrer Benachteiligung und Unterdrückung.“ (420).

4. Aktivisten islamischer Vereine und Organisationen

Befragt wurden als vierte Gruppe Funktionäre oder Aktivisten islamischer Vereinigungen, Moscheen und Organisationen bzw. deren Mitglieder, Nutzer und mit ihnen eng verbundene Personen aus dem unmittelbaren Umfeld. Es wurden insgesamt 60 männliche Muslime – Akademiker wie Nichtakademiker – zwischen 25 und 55 Jahren aus dem Raum Hamburg in persönlichen Interviews befragt. Für die praktische Durchführung der Interviews war ein erheblicher Aufwand notwendig, um Bedenken gegen eine mögliche „Aushorchung“ oder „Unterwanderung“ des Vereins oder aber eine personenbezogene Datenerfassung im Dienst der Sicherheitsbehörden zu zerstreuen.

Auch hier überwogen wieder die Interviewpartner mit türkischem Hintergrund, mehr als die Hälfte der Interviewpartner besaß die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Interviewteilnehmer waren ohne Ausnahme stark religiös (456), ein Teil gab einer starken Abwertung der westlichen Gesellschaften Ausdruck (459), die als moralisch verkommen und doppelzüngig beurteilt wurde (466). Die Thematik der globalen Marginalisierung und Unterdrückung der Muslime nimmt in diesen Interviews einen immens wichtigen Stellenwert ein (468).

Ausgrenzung

Häufig wurde die Wertschätzung von Freiheits- und Grundrechten wie der Religionsfreiheit sowie der Rechtsstaatlichkeit in Deutschland positiv hervorgehoben. Gleichzeitig schilderten die Befragten durchweg, dass sie sich als Muslime in Deutschland ausgegrenzt und benachteiligt und zugleich stark solidarisch mit der weltweiten Situation der Muslime fühlten, die sie sehr nachdrücklich als Opfer kennzeichneten. Die Befragten monierten, dass der Islam in Deutschland dem Christentum gegenüber benachteiligt werde, also keine gleichberechtigte Religion sei, so dass Muslime am Arbeitsplatz in ihrer Religionsausübung eingeschränkt seienwobei diese Sachverhalte stets über andere berichtet wurden, aus eigener Erfahrung aber keine Behinderung, z. B. des Gebets, angeführt wurde (443+444). Dafür, dass der Islam benachteiligt werde, wurden Einschränkungen beim Bau von Moscheen angeführt. Eine staatliche Förderung und Unterstützung des Baus von Moscheen dagegen würde als Symbol der gleichwertigen Anerkennung der Muslime in der Gesellschaft erkannt werden (445).

Auffallend waren die vielfach ausschweifenden Berichte über ein Klima von Vorurteilen, Feindseligkeiten, Zurückweisung und Diskriminierungen von Muslimen in Deutschland: „Die Beschreibungen sind in hohem Maße durchsetzt von einem solchen Topos der Muslime als ‚Opfer’ in unterschiedlichsten Schattierungen … Dies wird zwar in gewissem Umfang mit Hinweisen auf Details untermauert, die aber in den wenigsten Fällen auf eigene direkte Erfahrungen rekurrieren. Dominant ist die Schilderung der Situation anderer, die man kennt und von denen man weiß“ (441) oder Schilderungen, die eine starke Wirklichkeitsverzerrung erkennen lassen: „nur weil ich zum Gebet komme werd ich hier wie ein Terrorist behandelt und angeschaut“ (484), als sei man ein ständiger Bedrohungsfaktor. Durch die vermeintliche Behandlungen von Muslimen als Terroristen in Deutschland entstehe bei Muslimen erst Aggressivität: Die muslimischen Frauen „… versucht (man) so stark zu benachteiligen, dass man mit Kopftuch fast gar nichts mehr machen kann … also man wird aggressiv“ (484) – hier wird die deutsche Gesellschaft durch ihre Ausgrenzung von Muslimen als Verursacherin von Gewalt betrachtet.

Integration

Als Reaktion darauf scheinen sich Ältere eher von der deutschen Gesellschaft zurück zu ziehen, während Jüngere verlangen, als selbstbewusste Muslime in Deutschland Anerkennung zu erfahren (489) und haben die Vision, eine Art politische oder auch wirtschaftliche Avantgarde zu bilden. Stark wird von mehreren, besonders jüngeren Interviewpartnern hervorgehoben, dass die muslimische Gemeinschaft erwartet, von der Aufnahmegesellschaft so anerkannt zu werden, wie sie ist (485). Integration wird als beiderseitiger Prozess betrachtet und auch als Bringschuld der Mehrheitsgesellschaft: 91,6% der Befragten befürworten kostenlose Deutschkurse für Migranten (448). Bisher dominiert das Empfinden, nicht wirklich dazu zu gehören, auch wenn die deutsche Staatsbürgerschaft erworben wurde (450). Kälte, Distanz und Isolation werden häufig als Charakteristika der deutschen Gesellschaft genannt, die letztlich die Migranten nicht als die Ihrigen anerkennen (453) – was immer diese bereit wäre, zu leisten – und letztlich Assimilation fordern würde (485). Von einem Teil der Befragten werden andererseits die eigenen Rückzugsräume, die Moschee- und Kulturvereine kritisch als Integrationshemmnis benannt (454).

Extremismus und Freiheitsrechte

Auffallend bei den Interviews war die häufiger geführte Klage einer ständig geforderten Abgrenzung und Distanzierung von „Hasspredigern“ und Extremisten. Muslimische Vereine und Moscheen haben „ein ausgeprägtes Gefühl entwickelt … zunehmend im Blickfeld von Überwachungen zu stehen und stets der Gefahr ausgesetzt zu sein, mit dem Verdacht des Islamismus und der Bekämpfung demokratischer Strukturen überzogen zu werden“ (426). In den Interviews wurde auch geäußert, dass die deutsche Gesellschaft durch ihre Zurückweisung der Muslime deren Integration, ihre Aufnahme und vollständige kulturelle Akzeptanz verhindere (478).

Im Laufe der Befragungen kam häufiger ein ambivalentes Verhältnis zu Freiheitsrechten in Deutschland zu Tage: einerseits eine Inanspruchnahme von Freiheitsrechten zur Durchsetzung eigener Standpunkte (z. B. die Durchsetzung des Religionsunterrichts der eigenen Glaubensrichtung als der einzig richtigen), die gleichzeitig dann abgelehnt werden, wenn es um von den eigenen Auffassungen abweichende Positionen (z. B. Religionsunterricht anderer muslimischer Glaubensrichtungen) geht (480) oder die Ehe mit nichtmuslimischen Partnern für Söhne eben noch hingenommen, für Töchter aber apodiktisch ausgeschlossen wird (481). Hier wird auch die Erwartung formuliert, dass der deutsche Staat für Muslime Sonderrechte einführen solle, wie z. B. die staatliche Förderung und Achtung der islamischen Feiertage oder die Anwendung islamischen Rechts für die islamische Glaubensgemeinschaft durch die Schaffung einer rechtlichen Parallelgesellschaft (481) – hier wird die Rechtsstaatlichkeit als Rechtshoheit auch über die muslimische Glaubensgemeinschaft deutlich abgelehnt. Über einen der Interviewpartner heißt es: „Eine Anpassung seines Verhaltens oder des Verhaltens anderer Muslime an Regeln der deutschen Aufnahmegesellschaft ist in seinen Augen eine unvertretbare Zumutung“ (482).

Hassprediger und Moscheen, in denen Extremismus gepredigt wird, werden in ihrer Existenz eingeräumt, jedoch weitestgehend kritisch beurteilt. Sie werden als Problem betrachtet, die den Muslimen insgesamt Schaden zufügen (462). Die Reaktion der deutschen Gesellschaft auf die extremistische Bedrohung wird jedoch gleichzeitig als diskriminierend, übertrieben und letztlich – z. B. durch Personenkontrollen in oder vor Moscheen – als die Bedrohung verschärfend beurteilt (468). Muslime würden „seitens der Politik international als Bedrohungsfaktor konstruiert“ (473), wobei ein Drittel der Befragten die Sorge vor Extremismus für abwegig hält, ein Drittel für berechtigt, aber stark übertrieben in der Wahrnehmung und ein Drittel für berechtigt.

Religiös-politisch motivierte Gewalt wird kaum offen propagiert oder für gut geheißen, andererseits scheint in diesem Umfeld eine Radikalisierung durch eine vielfach hohe Demokratiedistanz, klare Abschottungstendenzen, durch die vielfach bejahte Höherordnung der Scharia über das Grundgesetz, die z. T. offen eingeräumte Distanz zur Rechtsstaatlichkeit und durch die Forderung der Beschränkung von Freiheitsrechten anderer (wie den eigenen Töchtern oder Ehefrauen) leicht denkbar.

Anhand der Darstellung von vier biographischen Einzelberichten abschließend wird deutlich, wie sich Radikalisierungsprozesse in Deutschland vollziehen können: Auslöser kann eine Art „Erweckungserlebnis“ sein, durch das eine frühere religiöse Erziehung in einer Zeit der Orientierungslosigkeit und starken Verunsicherung neu belebt und der Islam nun in ganzheitlicher und rigider Weise umgesetzt wird. Ein anderer Weg ist das allmähliche Hineinwachsen in eine Tradition des „wahren Islam“ oder einer strikteren Religionsbefolgung als im Elternhaus üblich. Dies geschieht häufig in einem Moschee- oder Lernumfeld, das Abgrenzung und die Überordnung der Scharia über westliche Werte predigt. Nach diesem Wandel des vorher durchschnittlich Religiösen ist ein deutlich erhöhtes Maß an religiöser Rigidität und Abwertung anderer, nicht konsequent nach den Regeln des Islam lebender Muslime erreicht, das dann schnell bis zur völligen Distanzierung von der westlichen Gesellschaft und der Akzeptanz von Gewalt zur Verteidigung der Religion oder der Ehre sowie zur Einschränkung von Freiheitsrechten (z. B. bei den Frauen der eigenen Familie) oder Bekämpfung des Unglaubens reicht (471). Mischen sich religiöse Intoleranz und strikte Regelorientiertheit mit Demokratiedistanz und Autoritätshörigkeit gegenüber religiösen Führern, die eine rigide, auch politische Umsetzung des Islam fordern, können Radikalisierungsprozesse bis zur Hinwendung zum Islamismus und zur Gewaltbereitschaft einsetzen (477).

Fazit

In der Summe der Untersuchung ist die durchweg hohe Bedeutung von Religion für Muslime in Deutschland auffallend und dabei ein hoher Prozentsatz derjenigen, die sich in Theorie und Praxis zu ihrer Religion bekennen. Fundamentale religiöse Orientierungen sind jedoch nicht gleichbedeutend mit Demokratiedistanz und Demokratiedistanz steht nicht automatisch für Gewaltbereitschaft, hierzu müssen weitere Faktoren ergänzend hinzukommen. Wohl aber kann auf diesem Boden der grundsätzlich distanzierten Sicht zur westlichen Lebensordnung und Gesellschaft leichter die Saat des Radikalismus gesät werden, die vor dem Hintergrund persönlich erfahrender Marginalisierung oder des Empfindens einer weltweiten Unterdrückung der Muslime in Extremismus umschlagen kann. Daher ist das Gefahrenpotential deutlich größer als die geringen Mitgliederzahlen in den bekannten islamisch-extremistischen Vereinigungen.

Aufgrund der vielfältigen Faktoren, die eine Radikalisierung Einzelner herbeiführen können, kann dieses latente Potential für eine politisch-religiös motivierte Radikalisierung in Deutschland, so betont die Studie, nicht klar beziffert werden. Die Autoren gehen jedoch aufgrund der vorliegenden Untersuchung von ungefähr 10-12% der Muslime in Deutschland aus (494), was eine Größenordnung zwischen 320.000 und 420.000 Menschen bedeutet.

Entscheidend für die Radikalisierung sind im Wesentlichen drei verschiedene Wege: Für die einen weniger die Erfahrung einer persönlichen Ausgrenzung als das stellvertretende Empfinden, das Opfer einer globalen Unterdrückung zu sein und sein Bezugssystem außerhalb der westlichen Gesellschaft zu finden (in der Scharia, der umma, der islamischen Weltgemeinschaft), die Vorstellung einer „Ausgrenzung, Schlechterstellung und Unterdrückung von Muslimen auf nationaler wie auch internationaler Ebene“ (494), denn „In der Summe sind ein ganz erheblicher Teil der in Deutschland lebenden Muslime, Schüler wie auch die muslimische Allgemeinbevölkerung davon überzeugt, dass die Gemeinschaft der Muslime in globaler Hinsicht benachteiligt und schlecht behandelt wird“ (418). Die zweite Gruppe ist grundsätzlich anpassungsbereit, erfährt aber persönliche Zurückweisungen bei gleichzeitig geringen gesellschaftlichen Partizipationschancen aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus. Die dritte Gruppe ist eher traditionalistisch religiös ausgerichtet und zieht sich von der Gesellschaft selbst zurück, ohne partizipieren zu wollen (494).

Das gewaltaffine Potenzial unter Muslimen in Deutschland lässt sich mit knapp 6% beziffern. Wird eine hohe Demokratiedistanz und Ablehnung der Rechtsstaatlichkeit hinzugenommen, wird eine Zahl von rund 14% der Muslime innerhalb der Befragung erreicht. Unter Hochrechnung auf die muslimische Gesamtbevölkerung in Deutschland und unter Berücksichtigung möglicher Fehlerquellen kann dieser Prozentsatz damit zwischen 11,9 und 16,4% liegen (495). Die Studie konkludiert:

„Fundamentale Orientierungen, die eine enge religiöse Bindung, hohe Alltagsrelevanz der Religion, starke Ausrichtung an religiösen Regeln und Ritualen verbinden mit einer Tendenz, Muslime die dem nicht folgen auszugrenzen sowie den Islam pauschal auf- und westliche, christlich geprägte Kulturen abzuwerten, zeigen eine enorme Verbreitung. In der Allgemeinbevölkerung sind etwa 40% einem solchen Orientierungsmuster zuzuordnen“ (493).

Spracherwerb und Bildung sowie gesellschaftliche Teilhabe und der Abbau von Vorurteilen besonders bei nichtmuslimischen Jugendlichen gegenüber Muslimen sind also wichtige gesellschaftliche und politische Ziele, um Radikalisierungstendenzen in der muslimischen Gemeinschaft entgegenzuwirken. Sie sind jedoch nicht die eine, allumfassende Lösung, da es auch anderweitige Radikalisierungsmomente – wie die als weltweit empfundene Viktimisierung oder ein politisch-rigider Islamunterricht durch eine religiöse Autorität – gibt. In jedem Fall findet sich das wesentliche Rekrutierungspotenzial unter muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, nicht unter Älteren (501). Daher gilt für die Autoren der Studie, dass der Dialog offen, aber nicht gleich-gültig geführt wird:

„Es deutet sich weiter an, dass diese Suche nach Sinn und Ringen um Werte einen Dialog und glaubhafte Gegenüber benötigt, die einerseits den Islam nicht ausgrenzen, ihm aber auch nicht mit der Attitüde der Beliebigkeit begegnen, sondern selbst auf einem festen Fundament stehend starke Dialogpartner sind“ (501).


[1] Die Studie kann kostenlos bestellt werden bei: Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 10 09, 18132 Rostock; Download der kompletten Studie sowie einer Kurzfassung (36 S.) unter: www.bmi.bund.de

[2] Zu diesem Ergebnis kommt z. B. Wolfgang Ritsch schon 1987: Die Rolle des Islams für die Koranschulerziehung in der Bundesrepublik Deutschland. Hochschulschriften 244, Pahl-Rugenstein: Köln 1987

Christine Schirrmacher