Christine Schirrmacher
Konversion

Schariarecht bedroht Abfall vom Islam mit der Todesstrafe: Religionsfreiheit muss auf die Tagesordnung internationaler Politik und Diplomatie

August 27, 2012 by · Leave a Comment 

Religionsfreiheit – eine Einbahnstraße?

Yousef Nadarkhani, Leiter einer Untergrundkirche in Iran, Ehemann und Vater zweier Söhne im Alter von sieben und neun Jahren, wurde am 11. April 2012 35 Jahre alt. Ob sein Geburtstag allerdings ein Freudentag für ihn war, muss ernsthaft bezweifelt werden: Yousef Nadarkhani wurde am 28.06.2011 vom Obersten Gerichtshof des Iran wegen Apostasie zum Tod verurteilt und nun kann jeden Tag zur Hinrichtung abgeholt werden.

Wie positionieren sich einflussreiche islamische Theologen zur Religionsfreiheit? Derzeit nutzt die politisch-extremistische Gruppierung der Salafisten diese in Deutschland gesetztlich verankerte Religionsfreiheit, um in deutschen Städten 25 Mio. Koranexemplare zu verschenken und damit nicht nur für den Islam zu werben, sondern auch für ihre Islamauslegung Propaganda zu machen und ihre Gruppierung in die Schlagzeilen zu bringen. Niemand kann sich andererseits wohl vorstellen, dass ein einziges islamisch geprägtes Land die Verteilung von 25 Mio. Bibeln dulden würde. Gilt im Islam die Religionsfreiheit also nur in eine Richtung? Ist das Todesurteil gegen Pastor Nadarkhani durch den Koran und die islamische Theologie abgedeckt oder geht es hier lediglich um Machtpolitik? Und wie beurteilen klassisch-islamische Theologen einflussreicher Gelehrtenstätten wie der al-Azhar-Universität in Kairo oder der Islamischen Universität Medina diese Frage?

Um es in Kürze vorwegzunehmen: Die Frage der Religionsfreiheit wird innerhalb der islamischen Theologie natürlich unterschiedlich beurteilt. Eine Minderheit der Theologen äußert unverblümt, dass Religionsfreiheit für sie ausschließlich die Freiheit ist, der einzig wahren Religion, dem Islam, anzugehören oder sich ihm zuzuwenden und bei Zweifeln oder Kritik bei Muslimen sofort die Todesstrafe zur Anwendung kommen muss. Für eine weitere Minderheit gilt die Religionsfreiheit jedermann, meint also die Freiheit, den Islam anzunehmen oder sich von ihm abzuwenden, ganz im Sinne der UN-Menschenrechtserklärung.

Eine „gemäßigte“ Mehrheit der Theologen definiert Religionsfreiheit heute differenziert: Für Nicht-Muslime – insbesondere Juden und Christen – in islamisch geprägten Ländern befürworten sie, dass diese ihre Religion behalten dürfen und nicht zum Islam konvertieren müssen. Für Muslime definieren sie jedoch Religionsfreiheit ausschließlich als Freiheit der Gedanken mit der Möglichkeit, u. U. insgeheim Zweifel am Islam zu hegen. Wer seine abweichenden Auffassungen jedoch propgagiert, ist nach Meinung einer breiten Mehrheit traditionell ausgebildeter Theologen des Todes schuldig – auch wenn es nur wenige Länder gibt, in denen es überhaupt möglich wäre, einen Apostaten vor Gericht zu stellen. Allerdings wird ein Abgefallener von der Gesellschaft schnell als Staatsfeind betrachtet. Teilweise kann es sehr gefährlich werden, wenn Rechtsgelehrte in der Moschee zur Tötung von Apostaten aufrufen und die Gesellschaft solche Abtrünnigen verfolgt oder in manchen Fällen sogar auf offener Straße hinrichtet – wie etwa den ägyptischen Säkularisten Farag Fawda, der 1992 in Kairo auf offener Straße ermordet wurde, nachdem zwei Gelehrte der al-Azhar-Universität, Muhammad al-Ghazali und Muhammad Mazru’a, die späteren Täter davon überzeugt hatten, dass es die religiöse Pflicht eines jeden Gläubigen sei, Apostaten hinzurichten.[1] Die Wurzel dieser Auffassung liegt im Schariarecht, das in der Frühzeit des Islam bis zum 10. Jahrhundert n. Chr. sowohl auf sunnitischer wie auf schiitischer Seite die Anwendung der Todesstrafe für einen Abgefallen fordert.

Folgen des Abfalls vom Islam

Daher halten Muslime ebenso wie Vertreter der klassisch-islamischen Theologie die Hinwendung eines Menschen zum Islam für wünschenswert, verurteilen jedoch seinen Abfall. Das gilt umso mehr, wenn sich der „Apostat“ einer anderen Religion zuwendet, wie etwa dem christlichen Glauben, der der islamischen Theologie als überholt und verfälscht gilt. Daher sehen sich Muslime, die Christen oder, in seltenen Fällen, etwa Buddhisten werden oder einer nicht anerkannten Minderheit wie den Baha’i angehören, mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert:

Oft steht ihre Familie ihrem Glaubenswechsel mit völligem Unverständnis gegenüber und versucht, sie umzustimmen und bedroht sie teilweise, denn Abfall bedeutet in der Regel Schande, Verrat und Skandal. Der Konvertit kann zwar in den meisten islamisch geprägten Ländern nicht per Gesetz zum Tod verurteilt werden, aber zumindest enterbt und zwangsgeschieden (da laut Schariarecht keine Muslimin mit einem Nicht-Muslim verheiratet sein darf). Dem Apostaten droht der Entzug seiner Kinder (da nach Schariarecht muslimische Kinder nicht von einem Nicht-Muslim erzogen werden dürfen), und er verliert oft seine Arbeitsstelle (da kaum jemand einen Konvertiten beschäftigen wird) und sein Zuhause; nicht selten wird er aus der Familie ausgestoßen. In dramatischen Fällen kann es soweit kommen, dass Mitglieder der Familie oder Gesellschaft selbst Hand an den Konvertiten legen und ihn misshandeln, ihn zwangsweise in eine Psychatrie einweisen oder sogar versuchen, ihn umzubringen. Manche glauben, den öffentlichen Gesichtsverlust durch einen Konvertiten in der Familie nicht ertragen zu können, andere hören vom Imam oder Mullah, dass es nach Schariarecht die Pflicht jedes Gläubigen sei, Konvertiten auch ohne Gerichtsverhandlung zu töten. Manche sind davon überzeugt, mit der Tötung des Abgefallenen den Islam zu verteidigen, da die westliche Welt – insbesondere die USA – ausgezogen sei, den Islam zu zerstören und Konvertiten „kaufe“ und als Spione aussende.

Weil es nicht möglich ist, aus dem Islam auszutreten, bleiben die Kinder von Apostaten schariarechtlich in jedem Fall Muslime. Sie müssen auch als Muslime erzogen werden, müssen also den islamischen Religionsunterricht besuchen. Sie können nur islamisch heiraten und ihre Kinder gelten rechtlich ebenfalls wieder als Muslime, auch wenn sie, ihre Eltern und Großeltern bereits Konvertiten zum Christentum waren. In etlichen Staaten droht einem konvertierten Ehepaar oder einem konvertierten Elternteil der Entzug ihrer Kinder, wenn etwa ein Verwandter gerichtlich klagt, dass „muslimische Kinder“ nicht bei Christen aufwachsen dürfen, was das Schariarecht verbietet.

Daher gehört der Vorwurf des Unglaubens, des Abfalls vom Islam und der Blasphemie in islamisch geprägten Gesellschaften zu den folgenschwersten Anklagen überhaupt. Nicht immer wird er nur dort erhoben, wenn eine Person den Islam verlassen oder sich der Gotteslästerung schuldig gemacht hat. Er richtet sich z. T. auch gegen missliebige politische Gegner oder wird benutzt, um Besitz zu erpressen. Dies ist besonders in Pakistan der Fall, wo die seit Kolonialzeiten bestehenden und ab 1980 schrittweise verschärften „Blasphemy Laws“ als scharfe Waffe benutzt werden, um vor allem Minderheiten wie die islamische Sondergemeinschaft der Ahmadiya sowie Christen unter Druck zu setzen. Dort haben bereits mehrere Politiker – bisher vergeblich – versucht, die Blasphemiegesetze zu entschärfen:

Die Blasphemiegesetze in Pakistan und ihre Opfer

So wurde Shabaz Bhatti, Minister für Religiöse Minderheiten und Mitglied der regierenden Pakistan Peoples Party (PPP), in Islamabad im Jahr 2011 ermordet, nachdem er angekündigt hatte, die in Pakistan geltenden Blasphemiegesetze revidieren zu wollen. Die in den Jahren 1980, 1982, 1984 und 1986 verschärften „Blasphemy Laws“ bedrohen herabsetzende Bemerkungen über die Kalifen, die Frauen, die Familie und die Gefährten Muªammads, die Beschmutzung, Zerstörung oder Entweihung des Korans mit lebenslänglicher Haft und die Herabsetzung Muªammads mit der Todesstrafe. Von 1986 bis 2007 sollen in Pakistan über 4.000 Anklagen wegen Blasphemie registriert worden sein.[2]

Auf dem Weg zu seinem Ministerium war Shabaz Bhatti am 02.03.2011 von drei Attentätern aus seinem Wagen gezerrt und in aller Öffentlichkeit hingerichtet worden. Die Terrorgruppierung Tehrik-i Taliban Pakistan (TTP) übernahm später die Verantwortung für die Tat. Die regierende Pakistan Peoples Party (PPP) verurteilte die Taten nur verhalten und zog nach heftigen Straßenprotesten ihren Antrag auf Revision der Blasphemiegesetze im Parlament zurück.

Auch der ehemalige Gouverneur des Punjab und enger Freund des regierenden Präsidenten Asif Ali Zardari, Salman Taseer, verlor aus demselben Grund sein Leben: Er wurde am 04.01.2011 von einem seiner Leibwächter, Malik Mumtaz Hussein Qadri, auf einem Markt in Islamabad erschossen; die übrigen Mitglieder seiner Sicherheitseinheit griffen nicht ein. Hintergrund der Tat war, dass Gouverneuer Taseer die wegen Blasphemie zum Tod durch den Strang verurteilte Christin Asia Bibi im Gefängnis besucht und ihr seine Unterstützung zugesagt hatte.[3] Asia Bibi war am 08.11.2010 von einem Gericht in der Provinz Punjab zum Tod wegen einer angeblichen Beleidigung Muªammads verurteilt worden, nachdem sie ein Jahr zuvor als Tagelöhnerin auf einem Landgut muslimischen Arbeiterinnen Wasser geholt und diese sie vor Annahme des Wassers zum Übertritt zum Islam aufgefordert hatten, weil das Wasser sonst ‚unrein’ sei, was Asia Bibi mit ihrem Glaubensbekenntnis zu Jesus Christus als dem wahren Propheten beantwortet haben soll – Asia Bibi bestritt jedoch später, dass sie diese Worte je geäußert hatte.

Einige Tage später wurden per Lautsprecher aus der Moschee Hetzparolen gegen sie verbreitet, daraufhin versuchten Dorfbewohner, Asia Bibi in ihre Gewalt zu bringen, was die Polizei verhinderte, indem sie sie verhaftete. Auf Druck islamischer Gelehrter erging Anklage gegen Asia Bibi wegen Blasphemie, einen Verteidiger erhielt sie nicht. Am 08.11.2010 wurde sie in erster Instanz zur Zahlung von zweieinhalb Jahresgehältern und zum Tod durch den Strang verurteilt. Während sich Menschenrechtsorganisationen für die Freilassung von Asia Bibi einsetzten, wurde Präsident Asif Zardari von radikal-islamischen Kräften vor ihrer Begnadigung gewarnt. Bisher gab es in Pakistan noch keine Hinrichtung wegen Blasphemie, es sind jedoch zahlreiche Menschen wegen Blasphemie angeklagt und in Gefangenschaft. Einige Angeklagte wurden noch vor ihrem Gerichtsverfahren Opfer öffentlicher Lynchjustiz.

Gründe für die Ablehnung voller Religionsfreiheit im Islam

Die „prominenteste“ Aussage des Korans zur Religionsfreiheit ist sicher der Vers: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (Sure 2,256). Zahlreiche muslimische Theologen haben hervorgehoben, dass niemand zur Konversion zum Islam gezwungen werden dürfe. Das spiegelt sich auch mindestens in Teilen der islamischen Eroberungsgeschichte wider: Christen und Juden durften in den von Muslimen eroberten Gebieten in der Regel ihren Glauben und ihre religiöse Autonomie behalten, mussten also nicht konvertieren. Sie wurden zu „Schutzbefohlenen“ (dhimmi), die Sondersteuern entrichten und sich unterwerfen mussten. Sie waren Geduldete, Bürger zweiter Klasse und rechtlich Benachteiligte, da sie einer durch den Islam überholten – und aufgrund der Abweichungen vom Islam als verfälscht beurteilten – Religion anhingen.

Wer jedoch einmal zum Islam übertrat, durfte den Islam nicht wieder verlassen. Sure 2,256 bedeutet nach überwiegender Meinung der Theologen daher nicht, dass der Islam für den freien Religionswechsel in beide Richtungen und die Gleichberechtigung aller Religionen eintreten würde. Vielmehr wird er oft so ausgelegt, dass man keinen Menschen zum Akt des „Glaubens“ (im Sinne eines Überzeugseins) zwingen könne.

In der Tatsache, dass schon der Koran das Juden- und Christentum als minderwertige Religionen ansieht, liegt ein Grund, warum die Konversion zum Christentum als grundlegend falsch gilt: Sie scheint ein Rückschritt zu einem überholten Glauben zu sein, der aus Sicht des Islam korrigiert und durch Muhammad, das „Siegel der Propheten“ (Sure 33,40), abgelöst wurde. Die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte“ nennt in Art. 10 etwa den Islam „die Religion der reinen Wesensart“, also die unverfälschte Religion, die jedem Menschen natürlicherweise entspricht; jede Abweichung davon gilt als minderwertig. Zudem erscheint das Christentum vielen Theologen als „westliche“ Religion, als Religion der Kreuzfahrer und Kolonialherren und wird mit westlich-politischer Dominanz verknüpft.

Ein weiterer Grund für die Ablehnung des freien Religionswechsels liegt in der Tatsache, dass die Abwendung vom Islam von vielen Muslimen nicht als Privatangelegenheit betrachtet wird, sondern als Schande für die ganze Familie oder sogar als politisches Handeln, als Unruhestiftung, Aufruhr oder Kriegserklärung an die muslimische Gemeinschaft. Weil sich nach Muhammads Tod im Jahr 632 mehrere Stämme auf der Arabischen Halbinsel, die den Islam zunächst angenommen hatten, wieder von ihm abwandten, bekämpfte Abu Bakr, der erste Kalif nach Muhammad, diese Stämme in den sogenannten ridda-Kriegen (Abfall-Kriegen) und schlug ihren Aufstand erfolgreich nieder. Aufgrund der „Abfall-Kriege“ des Frühislam ist die Apostasie im kollektiven Gedächtnis der muslimischen Gemeinschaft von der Frühzeit an mit politischem Aufruhr, mit Verrat und mit der Niederschlagung dieses Verrats verknüpft.

Koran, Überlieferung und islamische Theologen über die Apostasie

Der Koran selbst spricht einerseits vom Unglauben der Menschen und vom „Abirren“ (Sure 2,108), dem der „Zorn Gottes“ (9,74) sowie die „Strafe der Hölle“ (4,115) drohen, definiert aber kein irdisches Strafmaß und benennt kein Verfahren zur einwandfreien Feststellung der Apostasie. Einige Verse scheinen sogar die freie Religionswahl nahezulegen (z. B. 3,20), während andere, wie etwa Sure 4,88-89, Muslime ermahnen, die zu „greifen und zu töten“, die sich „abwenden“. Ein vieldeutiger Textbefund also, der von einigen wenigen muslimischen Theologen so ausgelegt wird, dass der Koran volle Religionsfreiheit befürworte, da hinsichtlich des Tatbestandes der Apostasie eben kein eindeutiger Textbefund zu erheben ist. Andere jedoch argumentieren, der Koran votiere für die Todesstrafe bei Abfall, z. B. aufgrund von Versen wie Sure 4,88-89. Hier ist zunächst von den „Heuchlern“ (arab.: al-munafiqun) die Rede, die sich wünschen, dass alle so ungläubig wären wie sie. Und dann heißt es:

„Und wenn sie sich abwenden (und eurer Aufforderung zum Glauben kein Gehör schenken), dann greift sie und tötet sie, wo (immer) ihr sie findet, und nehmt euch niemand von ihnen zum Freund oder Helfer!“

Und auch in Sure 9,11-12 geht es um diejenigen, die sich der muslimischen Gemeinschaft angeschlossen haben – Vers 11 benennt als Kennzeichen ihrer neuen Zugehörigkeit zum Islam Reue, rituelles Gebet und Almosenabgabe – sie dann aber ihre „Eide brechen“: Sie sollen als „Anführer des Unglaubens bekämpft“ werden (arab.: fa-qatilu a’immat al-kufr). Insbesondere aus diesen Versen sowie die auf der Arabischen Halbinsel mit Muªammads Tod einsetzende, militärisch niedergeschlagene Abfallbewegung, die ridda-Kriege, leiten zahlreiche Theologen die politische Gefährdung der muslimischen Gemeinschaft durch Apostaten ab.

Die bis zum 9./10. Jahrhundert zusammengetragene islamische Überlieferung (mit Berichten über Muhammad und die ersten Muslime und ihr Handeln) verurteilt die Abwendung weitaus schärfer und fordert nun auch eindeutiger die Todesstrafe. Die Überlieferung verwendet ausdrücklich den Begriff „Abfall“ (arab.: ridda) für die Abwendung vom Islam und berichtet von der Hinrichtung einzelner Abtrünniger, etwa durch die Kalifen, und fordert mehrfach den Vollzug der Todesstrafe für den Apostaten.

Die von den Befürwortern der Todesstrafe am häufigsten zitierte Überlieferung in diesem Kontext ist der auf Muªammad zurückgeführte Ausspruch: „Wer seine Religion wechselt, den tötet“ (arab.: man baddala dinahu fa-’qtuluhu). Andere Theologen wiederum bezweifeln die Echtheit dieses Ausspruches und lassen ihn zur Begründung der Todesstrafe nicht gelten.

Allerdings schließen sich dieser Forderung nach Verhängung der Todesstrafe für die Abwendung vom Islam bis zum 10. Jahrhundert die Gründer und Schüler der vier sunnitischen Rechtsschulen sowie der wichtigsten schiitischen Rechtsschule an, so dass die Mehrzahl der einflussreichen Theologen der Frühzeit des Islam die Todesstrafe bei Konversion fordert und dies in den Strafrechtstexten der Schariakompendien verbindlich niederlegt.

Wer ist ein Apostat?

Im Laufe der Jahrhunderte wurden von islamischen Theologen zwar viele Kennzeichen für Apostasie zusammengetragen – allen voran die Leugnung Gottes und der Glaube an mehrere Götter, also die Bestreitung des Zentrums islamischer Theologie, des Eingottglaubens – aber an keiner Stelle findet sich in den normativen Texten oder bei einem der Theologen eine umfassende Definition von Apostasie. Alle Umschreibungen sind bis heute entweder inhaltlich wenig umfassend oder aber vage geblieben und waren unter Gelehrten zu jeder Zeit der Geschichte nur sehr eingeschränkt konsensfähig. Mit dazu beigetragen hat das Fehlen einer Gelehrtenhierarchie zumindest im sunnitischen Islam.

Weitgehend Konsens besteht von der Frühzeit an darüber, dass die Distanzierung vom Islam in Wort oder Tat als Abfall gilt, selbst wenn sich der Betreffende lediglich aus Spaß geäußert oder entsprechend gehandelt hätte. Ebenso fällt die dauerhafte, vorsätzliche Nichtbefolgung der fünf Säulen des Islam, insbesondere der Gebetspflicht, darunter, die nicht mit einem schariadefinierten Verhinderungsgrund (wie etwa Krankheit, Reise o. ä.) erklärt werden kann. Als Abfall wird zudem generell jede Überzeugung verstanden, die den Grundlehren des Islam grundsätzlich widerspricht, wie etwa die Verneinung Gottes oder die Ungültigkeitserklärung der Scharia.

Tatsache ist, dass von der Frühzeit des Islam an und durch die gesamte islamische Geschichte Menschen wegen ihres Abfalls hingerichtet wurden. Ob die Todesstrafe, besonders in der Frühzeit des Islam, in jedem Fall vollzogen wurde, ob der Abgefallene Gelegenheit zur Reue erhielt und wer überhaupt berechtigt war, den Abfall zu beurteilen und den Beschuldigten anzuklagen und hinzurichten, ist aus der Geschichte nicht lückenlos zu rekonstruieren. Bis zum 19. Jahrhundert sind Einzelfälle von Hinrichtungen bekannt, aber auch Fälle von Begnadigungen.

Im 20. Jahrhundert erhält die Thematik jedoch eine ganz neue Bedeutung. Im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Islamismus und der Forderung politisch-islamischer Kräfte, die Scharia in vollem Umfang zur Anwendung zu bringen, erheben sich vermehrt Rufe nach der Hinrichtung von Apostaten. Progressive Koranausleger, Frauenrechtlerinnen, kritische Journalisten und Autoren, Säkularisten und Angehörige von Minderheiten werden vermehrt wegen Apostasie angezeigt. So kam es in den letzten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts in Ägypten zu mindestens 50 Anklagen wegen Apostasie vor Gericht, darunter der berühmte Fall des Koranwissenschaftlers Nasr Hamid Abu Zaid, der 1996 wegen einer Apostasieklage aus Ägypten in die Niederlande fliehen musste. Einige Theologen forderten damals sogar die Einführung der Todesstrafe in das ägyptische Recht.

Apostasie im 20. Jahrhundert: Bekenntnis gilt als Umsturzversuch

Besonders von Islamisten wird die frühislamische Zeit nun vermehrt bemüht, um zu zeigen, dass die Verfolgung von Apostaten ‚schon immer’ praktiziert worden und im übrigen ‚im Islam’ eine verpflichtende Handlung sei, da es sich bei Abfall um ein Kapitalverbrechen handle. Apostasie wird in der Neuzeit häufig mit Landesverrat, Aufruhr, Aufkündigung der politischen Loyalität und Umsturz gleichgesetzt.

Heute vertreten muslimische Theologen vor allem drei Positionen zur Frage der Apostasie: Eine Minderheit fordert wie der einflussreiche pakistanische Theologe, Journalist und politische Aktivist Abu l-A’la Maududi (gest. 1979) kompromisslos die Todesstrafe für jeden, der den Islam verlässt. Eine weitere Minderheit fordert, wie der von den Malediven stammende Theologe Abdullah Saeed (geb. 1960), vollkommene Glaubensfreiheit, wozu für ihn auch die Freiheit gehört, sich folgenlos vom Islam ab- und einer neuen Religion zuwenden zu können. Abdullah Saeed ist der Auffassung, dass die Bedrohung des Konvertiten mit der Todesstrafe zu Zeiten des Frühislam durch das politische Überleben der islamischen Gemeinschaft motiviert war und daher heute keinerlei Bedeutung mehr hat.

Die Mehrheit der klassisch-islamischen Theologen dürfte heute die Auffassung des international einflussreichen ägyptischen Gelehrten Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926) befürworten: Danach darf ein Muslim zwar durchaus in seinem Innersten Zweifel hegen, denn das Innerste eines Menschen ist niemand zugänglich und daher nicht zu beurteilen. Er darf nach Qaradawis Auffassung jedoch mit niemand über seine Zweifel sprechen, nicht zu einer anderen Religion konvertieren oder versuchen, andere vom Islam abzuwerben. Auch die Scharia, den Islam, den Koran oder Muhammad darf er in keinem Aspekt kritisieren. Tut er dies doch, betrachtet Qaradawi dies als Aufruhrstiftung, Verrat und Entzweiung der muslimischen Gemeinschaft, die unterbunden und bestraft werden muss: al-Qaradawi hält in diesem Fall die Anwendung der Todesstrafe für verpflichtend. Seine Definition von „Glaubensfreiheit“ bedeutet eben nicht Religionsfreiheit, sondern nur innere Gedanken- und Überzeugungsfreiheit, ohne dass diese auch zum Ausdruck kommen darf. Damit wird ein persönliches Bekenntnis zum Staatsverrat.

Pastor Nadarkhani in Iran in der Todeszelle

Pastor Nadarkhani wurde erstmals 2006 und erneut am 12.10.2009 verhaftet und befindet sich heute in einer Haftanstalt des Geheimdienstes in Lakan außerhalb der Stadt Rasht im Nordiran. Nachdem im Dezember des Jahres 2011 verfügt worden sein soll, dass die staatlichen Behörden mindestens ein Jahr versuchen müssten, Nadarkhani zur Rückkehr zum Islam zu veranlassen, ist anzunehmen, dass er möglicherweise nicht sofort hingerichtet wird, aber auch, dass er vermutlich Misshandlungen und Folter unterzogen wird. Ein Druckmittel war zunächst die Verhaftung der Ehefrau Nadakhanis am 18.06.2010 und ihre Verurteilung zu lebenslanger Haft. Nachdem dies Nadarkhani nicht zur Rückkehr zum Islam bewogen hatte, wurde sie freigelassen. Die Behörden drohten den Eltern, ihnen das Sorgerecht für ihre Kinder zu entziehen und sie in einer muslimischen Familie aufwachsen zu lassen.

Am 22.09.2010 wurde Yusef Nadarkhani nun in einem Urteil der Ersten Kammer des Revolutionsgerichts wegen „Verbreitung nichtislamischer Lehre“ und „Abfall vom islamischen Glauben“ (Apostasie) zum Tod durch den Strang verurteilt; am 28.06.2011 wurde das Urteil von der Dritten Kammer des Obersten Gerichtshofes in Qom bestätigt. Gholamali Rezvani, Vize-Gouverneur der Provinz Gilan bezeichnete Pastor Nadarkhani als „Zionisten“, der sich der „Korruption schuldig gemacht und Hochverrat“ begangen habe. Andere iranische Medien bezeichneten ihn als „Vergewaltiger“, „Einbrecher“ und „Erpresser“. Ihm wird derzeit jeder Kontakt zu seiner Familie sowie zu einem Anwalt verwehrt. Nadarkhanis Anwalt Mohammad Ali Dadkhah war bereits Anfang Juli 2011 zu Peitschenhieben, 9 Jahren Haft und 10-jährigem Berufsverbot als Dozent und Anwalt sowie einer Geldstrafe verurteilt worden.

Jeden Tag kann nun das Todesurteil gegen Pastor Nadarkhani vollstreckt werden, obwohl die iranische Verfassung Religionsfreiheit garantiert. Zudem hat Iran mit der Unterzeichnung des „Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte“ die Verpflichtung übernommen, seinen Bürgern das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zuzugestehen. Der oberste religiöse Führer des Iran, Ali Khamenei, hat sich bisher nicht zum Fall Nadarkhani geäußert. Möglicherweise hat das internationale Echo des Falls in Politik und Medien bisher Nadarkhanis Hinrichtung verhindert.

Nadarkhani ist seit Jahren der erste Konvertit, bei dem die iranische Justiz den „Abfall vom Islam“ offen als Begründung für ihr Todesurteil beim Namen nennt; frühere Konvertiten wurden offiziell meist wegen anderer Vergehen wie „Spionage“ oder „Drogenhandel“ angeklagt, andere, wie der iranische Pastor Mehdi Dibaj im Jahr 1994, auf offener Straße verschleppt und später tot aufgefunden. Da die iranische Regierung derzeit offensichtlich unter erheblichem Druck steht, sehen sich Konvertiten vom Islam und iranische Untergrundgemeinden mit zahlreichen Verhaftungen, Einschüchterungen und nun möglicherweise bald mit einer ersten Hinrichtung wegen Apostasie konfrontiert.

Religionsfreiheit nach Definition des Iran

Seit 1996 wird durch eine Änderung des Strafrechts die Beleidigung Muªammads im Iran zwar mit der Todesstrafe bedroht, bisher enthält das iranische Strafgesetzbuch aber noch keinen Paragraphen, der für Abfall vom Islam explizit die Todesstrafe fordert. Das derzeitige geltende Strafrecht des Iran ist im „Gesetz über die islamischen Strafen“ vom 30.07.1991 kodifiziert. Es ist seitdem provisorisch in Kraft und wird derzeit alle zwei Jahre verlängert, ist jedoch nicht Teil des durch das Parlament erlassenen legislativen Strafrechts. Aber auch Vorstöße, die Apostasie direkt als Strafrechtsverstoß festzuhalten, hat es bereits gegeben:

So wurde am 09.09.2008 im iranischen Parlament (Majlis) ein Gesetzentwurf zu „Abfall, Ketzerei und Hexerei“ verabschiedet, der die Todesstrafe für Apostasie vorsieht,[4] aber das Gesetz ist bisher (April 2012) dem Wächterrat offensichtlich noch nicht zur Zustimmung vorgelegt worden. Geschieht das, muss der Wächterrat innerhalb kürzester Zeit über das ihm vorgelegte Gesetz entscheiden. Wenn das Gesetz verabschiedet würde, wäre das eine erstmalige Kodifizierung des Straftatbestands der Apostasie im Iran. Grundsätzlich aber hat der Iran 1979 die Scharia in vollem Umfang in sein Rechtssystem eingeführt. Apostasie gilt daher derzeit im Iran als schwerwiegendes Verbrechen, auch wenn es noch kein explizites Gesetz dazu gibt.
Nach dem neuen, noch nicht ratifizierten islamischen Strafrecht wäre laut Art. 225.7 und 225.8

„Die Bestrafung für einen (…) [männlichen] Apostaten (…) der Tod … Die Höchststrafe für abtrünnige Frauen (…) ist lebenslängliche Haft. Während dieser Strafe werden ihr auf Anweisung des Gerichts erschwerte Lebensbedingungen bereitet und es wird versucht, sie zum rechten Weg zu geleiten, und sie wird zum Widerruf ermutigt werden.“

Ajatollah Ruhollah Khomeini definierte diese „erschwerten Lebensbedingungen“ folgendermaßen:

„An den fünf täglichen Gebetszeiten muss sie ausgepeitscht werden, und ihre Lebensqualität und die Menge des Essens, der Bekleidung und des Wassers muss herabgesetzt werden, bis sie Reue zeigt.“

Grundsätzlich ist aufgrund der generellen Gültigkeit des Schariarechts, das die Todesstrafe für den Abfall vorsieht, die iranische Rechtssprechung verpflichtet, Apostasie zu bestrafen. Art. 167 der iranischen Verfassung regelt, dass ein Richter sein Urteil grundsätzlich auf die islamischen Quellen bzw. gültigen Fatawa (Rechtsgutachten) gründen muss, sollte ein Gesetz zu einer bestimmten Frage fehlen.[5] Zudem darf laut Art. 170 der Verfassung kein Urteil im Widerspruch zu den Gesetzen des Islam gefällt werden.

Art. 226 des iranischen Strafrechts erlaubt zudem die Tötung des Apostaten auch ohne Anklage und Gerichtsverfahren; zudem wird der Vollstrecker der Todesstrafe an einem Apostaten oder einer Person, die er dafür hielt, laut Art. 295 des Strafrechts nicht bestraft. – Eine Vielzahl von Bestimmungen also, die es im Iran jederzeit erlauben, einen Konvertiten mit dem Tod zu bestrafen.

Konvertiten vom Islam zum Christentum werden mindestens seit dem Jahr 2009, seit Anbruch der „Grünen Revolution“, ähnlich vielen Frauenrechtlerinnen besonders hart verfolgt, ihre privaten Versammlungen aufgelöst und die Mitglieder von Hauskirchen zu langen Haftstrafen oder sogar Hinrichtungen verurteilt.

Da die Todesstrafe im Iran für zahlreiche Vergehen verhängt werden kann wie z. B. für Mord, Rauschgiftschmuggel, Terrorismus, Kampf gegen Gott (Mohareb), bewaffneten Raub, Straßenraub, Umsturz, Waffenbeschaffung, Hoch- und Landesverrat, Veruntreuung und Unterschlagung öffentlicher Gelder, Bandenbildung, Beleidigung und Entweihung von heiligen Institutionen des Islam oder heiligen Personen (was z. B. durch Missionsarbeit von Konvertiten grundsätzlich als gegeben gilt) sowie für Vergewaltigung, Homosexualität, sexuelle Beziehungen eines Nicht-Muslims mit einer Muslimin sowie Ehebruch, ist die Anklage von Apostaten unter Vorgabe eines dieser Delikte jederzeit möglich.

Das Thema Religionsfreiheit gehört auf die Tagesordnung internationaler Politik und Diplomatie

Zusammenfassend gesagt entsteht also die paradoxe Situation, dass die Verfassungen etlicher islamisch geprägter Staaten das Recht auf Religionsfreiheit ausdrücklich zuerkennen,[6] es dort aber nirgends umfassende, positive wie negative Religionsfreiheit in alle Richtungen gibt, sondern nur die Freiheit, zum Islam überzutreten oder am Islam festzuhalten. Dabei hat die Frage nach der Berechtigung von Religionsfreiheit aufgrund der häufig dramatischen Konsequenzen für den Apostaten nicht nur eine religiöse Dimension, sondern auch gesellschaftliche wie politische Folgen. Auch wenn viele Muslime persönlich nie Hand an einen Konvertiten legen bzw. seine Verurteilung mindestens als problematisch betrachten würden, trägt zur Konfliktlage auch die Tatsache mit bei, dass weder die klassische noch die zeitgenössische islamische Theologie bisher eine weithin akzeptierte positive Begründung für Religionsfreiheit noch eine grundsätzliche Verurteilung der Todesstrafe für Apostasie vorgelegt hat. Zudem fehlt eine allgemeingültige Definition für Apostasie, so dass die sehr wandelbare Füllung dieses Begriffs seine Anwendung auf vielerlei Situationen erlaubt.

Fehlende Religionsfreiheit geht immer mit fehlenden politischen wie persönlichen Freiheitsrechten einher. Angesichts einer demokratisch gewählten islamistischen Mehrheit etwa in Ägypten nach der Arabellion, die aufgrund ihrer Schariaorientierung an der Einheit von Religion und Staat festhalten wird, wird sich dort echte Religionsfreiheit für Minderheiten und Andersdenkende auf absehbare Zeit wohl kaum anbahnen. Leidtragende sind neben den Frauen insbesondere Konvertiten, die in schariarechtlich geprägten Gesellschaften keinerlei Rechtsstatus beanspruchen können.

Religionsfreiheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Das Thema Religionsfreiheit gehört daher auf die Tagesordnung internationaler Politik und Diplomatie. Zumindest unsere Stimme zu erheben sind wir im reichen, freien Westen, wo es uns nichts kostet, all denen schuldig, die für ihre Überzeugungen – seien sie nun religiöser Natur oder nicht – täglich inhaftiert und schikaniert, drangsaliert oder sogar exekutiert werden. Menschenrechte sind unteilbar. Wir genießen heute ihre Früchte, weil andere – nicht selten aus der Perspektive des eigenen Glaubens heraus – an diese Idee geglaubt und sich ungeachtet persönlicher Nachteile für sie eingesetzt haben. Uns sollte das Mahnung und Ansporn sein, es ihnen gleichzutun.

Pastor Yousef Nadarkhani wurde am 8.9.2012 im Rahmen eines erneuten Gerichtsverfahrens im Iran überraschend vom Vorwurf der Apostasie freigesprochen und aus der Haft entlassen. Diese erfreuliche Tatsache sollte nicht die vielen anderen vergessen lassen, die im Iran wegen ihres Glaubens bzw. ihrer von der staatlicherseits propagierten Form des Islam abweichenden Überzeugungen weiterhin inhaftiert bleiben und häufig menschenunwürdiger Behandlung sowie harten Haftbedingungen unterworfen sind.


[1] Vgl. die Schilderung des Falles etwa bei Armin Hasemann. Zur Apostasiediskussion im Modernen Ägypten. In: Die Welt des Islam 42/1 (2002), S. 72-121

[2] Diese Zahlen nennt Theodore Gabriel. Christian Citizens in an Islamic State. The Pakistan Experience. Ashgate Publishing Limited: Aldershot, 2007, S. 66

[3] Vgl. etwa die Berichte: Pakistan: Vor einem Jahr erstes Todesurteil gegen eine Frau wegen Blasphemie. http://www.igfm.de/Detailansicht.384+M5f42a17c826.0.html (14.04.2012)

[4] Der Text erschien mit Datum vom 11.12.2007 auf der Seite des iranischen Justizministeriums http://maavanews.ir/tabid/38/Default.aspx (14.05.2011)

[5] So wurde etwa am 03.12.1990 Hossein Soodmand in Mashad aufgrund seines 30 Jahre zurückliegenden Abfalls vom Islam vor Gericht gestellt und trotz Fehlen eines entsprechenden Paragraphen im iranischen Strafrecht mit Berufung auf Schariarecht wegen Apostasie zum Tod durch den Strang verurteilt: Alasdair Palmer. Hanged for being a Christian in Iran, 11 Oct, 2008. http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/iran/3179465/Hanged-for-being-a-Christian-in-Iran.html (13.05.2011)

[6] Einige Beispiele aus den entsprechenden Textpassagen der Verfassungen von Syrien, Jordanien, Algerien, Jemen, Mauretanien und Marokko, die Religionsfreiheit garantieren, s. bei: Sami A. Aldeeb Abu-Sahlieh. Le Délit d’Apostasie aujourd’hui et ses Conséquences en Droit Arabe et Musulman. In: Islamochristiania (20) 1994, S. 93-116, hier S. 96ff.

Konvertiten zum Islam: Je gläubiger – je radikaler?

Mai 21, 2012 by · Leave a Comment 

Wege der Radikalisierung bei Muslimen in Europa

Christine Schirrmacher

Islam in Europa – eine Bedrohung?

Nicht erst seit gestern ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland gespannt. An die Stelle des Wegsehens über die dauerhafte Präsenz von Muslimen und der viel zu lange gehegten Illusion der Rückkehr der in den 60er Jahren angeworbenen Gastarbeiter sind Misstrauen, Ängste und Abwehr getreten. Asylsuchende, politische und Wirtschaftsflüchtlinge sowie eine im Vergleich zu Europa höhere Geburtenrate haben die muslimische Diasporagemeinde auf heute rund 4 Mio. Menschen anwachsen lassen.

Ängste und Abwehr wurden durch mehrere Faktoren hervorgerufen: durch einen immer stärker sichtbar werdenden international vernetzten politischen Islam einschließlich seines extremistischen Arms, verantwortlich für zahlreiche Terrordrohungen und –anschläge einerseits, durch die Opfer –und Forderungssmentalität muslimischer Organisationen und Verbände mit dem häufigen Ruf nach Sonderrechten, durch die in vielen Stadtteilen sichtbaren Sprach- und Integrationsdefizite bis hin zu Rückzug und Abschottung, durch die Praxis tribal-archaischer Bräuche wie Zwangsheiraten und Ehrenmorde, Hand in Hand gehend mit einer traditionell-islamisch definierten Frauenrolle, die auch an einer zunehmenden Zahl an Kopftüchern sichtbar wurde und nicht zuletzt durch eine große Zahl an Bauanträgen für Großmoscheen. Nachdem all dies in der Öffentlichkeit endlich thematisiert, medial jedoch nicht immer hilfreich verarbeitet wurde, nahmen viele Menschen nach fast 50 Jahren die muslimischen Zuwanderer endlich wahr; durch das gesellschaftlich-politische Wirken des Islam allerdings vor allem als Problemszenario. Muslime, die weder einen Schariaislam fordern noch für Zwangsehen und die Pflicht zum Kopftuch eintreten und gebildet, integriert und finanziell unabhängig zum Mittelstand dieser Gesellschaft gehören, die keine politische Agenda im Gepäck haben und nichts anderes wollen als hier in Frieden zu leben, scheinen manchen Menschen heute schlicht nicht mehr vorstellbar. Grund dafür ist auch, dass der politische Islam in den vergangenen 10, 20 Jahren in vielen Bereichen sehr erfolgreich darin war, die Deutungshoheit über die gesamte islamische Gemeinschaft zu übernehmen.

Der Minarettstreit

Gerade die Emotionalität, mit der die jüngste Auseinandersetzung anlässlich der Volksabstimmung über ein staatliches Verbot von Minarettbauten in der Schweiz geführt wurde, machte deutlich, wie dünn das Eis der gegenseitigen Verständigung derzeit ist. Während die einen den Schweizer Bürgern ein fehlendes Demokratieverständnis und mangelnde Religionsfreiheit bescheinigten[1] und die 57,5% Befürworter des Minarettverbots in die Nähe von Rechtspopulisten, Ausländerfeinden und Unterdrückern rückten,[2] zeigten sich andere über das Abstimmungsergebnis offen erfreut und erkannten darin einen überfälligen Schritt auf dem Weg zur Eindämmung des politischen Islam.

Bei genauerer Betrachtung wurde allerdings schnell deutlich, dass hier mehr eine Stellvertreter- als eine Minarettdiskussion geführt wurde. Es ging wohl eher um ein „Votum gegen den politischen Islam und sein mittelalterliches Rechtsverständnis“[3], um den Ausdruck der „weitverbreiteten Angst vor der Islamisierung der Gesellschaft“[4], um ein Zeichen gegen ein schariadominiertes Menschenrechts- und Religionsfreiheitsverständnis, ja, eigentlich um „ein Referendum darüber, wie bedrohlich der Einfluss des Islam in der abendländischen Gesellschaft wahrgenommen wird“[5]. Es wurde offensichtlich, dass viele Menschen in Europa Sorge haben vor dem Vormarsch, dem Einfluss und der Machtausübung des politischen Islam, vor Forderungen nach Schariarecht, religiösen Begründungen für reduzierte Frauenrechte, sowie der Selbstzensur der offenen Gesellschaft in ihrer Ausdrucksvielfalt in Kunst, Kultur und Religionskritik. Statistische Erhebungen spiegeln diese Haltung deutlich wider:

Muslime in Deutschland – Fremde geblieben?

Nach einer Umfrage des „Instituts für Markt- und Politikforschung“ Dimap für das „ARD-Morgenmagazin“ erkennen nur 22% der Bundesbürger „kein Problem mit dem muslimischen Glauben.“ 39% äußern „ein wenig Sorge“, 36% „große Sorgen um eine Expansion des Islam“[6]. Mit anderen Worten: 75% der Bundesbürger sind von Angst und Sorge in Bezug auf den Islam geprägt. Keine guten Voraussetzungen, um Muslimen im eigenen Umfeld vorurteilslos zu begegnen und endlich Brücken zu den Menschen zu bauen, die hier in Deutschland dauerhaft leben werden.

Es ist aber nicht nur die angestammte deutsche Bevölkerung, die so distanziert ist. Auch unter muslimischen Migranten ist der Anteil derjenigen hoch, die Deutschland nicht oder nicht an erster Stelle als ihr Heimatland betrachten. 36% der Muslime in Deutschland fühlten sich an Deutschland stärker gebunden als an ihr Herkunftsland, dem sich 27% stärker verbunden wissen. Noch interessanter die Zahl von Muslimen mit deutschem Pass: Nur 51% sind (gegenüber rund 33% der Ausländer insgesamt) fühlen sich stärker mit Deutschland verbunden als mit ihrem Herkunftsland, in dem sie doch meist nicht mehr aufgewachsen sind.[7] Nur 22% der in Hamburg lebenden Muslime und nur 25% in Berlin betrachten sich als „Deutsche“, aber – was weitaus dramatischer ist – nur 11% gaben in beiden Städten an, von anderen als Deutsche gesehen zu werden![8] Deutschlandweit erfragt, fühlt sich knapp die Hälfte der muslimischen Bevölkerung in Deutschland von Deutschen abgelehnt.[9]

Toleriert Europa Religiöse?

Deutschland und seine Zuwanderer tun sich also miteinander nach wie vor schwer, und das, obwohl die Anwerbung türkischer Gastarbeiter bereits vor rund 50 Jahren – im Jahr 1961 – begann. Freundschaften, Verbundenheit über die kulturellen Grenzen hinweg, Verständnis und ein gemeinsames Miteinander scheinen viel zu wenig vorhanden. Angsteinflössende Aktivitäten extremistischer Gruppen tun das Ihrige dazu. Folge davon ist, dass immer wieder „der Islam“ als Ursache für die zu Teilen mangelhafte Integration und jede Art von gesellschaftlich-politischer Problematik verantwortlich gemacht wird und Menschen pauschal Ablehnung erfahren, weil sie Muslime (= Problemverursacher) sind.

Daran sind nicht nur der politische Islam und die Integrationsdefizite schuld. Auch abseits davon tut sich das weitgehend säkularisierte Europa offensichtlich schwer mit der Akzeptanz der Tatsache, dass der Islam als Religion auch in der dritten Generation ein wesentlicher Faktor der Identität der meisten Migranten geblieben ist, hat man doch – aus dem Blickwinkel der eigenenVerhältnisse – noch bis in die 90er Jahre eine progressive Abschwächung des religiösen Bekenntnisses spätestens bei der dritten Generation der Zuwanderer und eine bloße Rest- und Randexistenz des islamischen Glaubens im Privatbereich erwartet – zu Unrecht, wie heute nur allzu offensichtlich ist.

Westeuropa ist zu recht stolz auf seine völlige Religionsfreiheit. Jeder kann ungehindert seine Religion wechseln oder auch gar keine Religion haben. Geprägt von Humanismus und Aufklärung und der erfolgreich bewältigten Trennung von Kirche und Staat ist der gesellschaftspolitische Anspruch der Religion einerseits weitgehend aufgegeben worden, andererseits die Religion an sich noch vorhanden, auch wenn zu Teilen – so ein US-amerikanischer Beobachter – die „Kirchen meist leer (sind) und Religion … als Kuriosität betrachtet“[10] wird. Teilweise kann der Eindruck entstehen, dass Religion zwar erlaubt ist, aber nur gemessen. In „laizisierten Gesellschaften … stellt die religiöse Tradition nicht mehr den Sinnkodex für alle dar“, so dass „der Anspruch der Religion, die gesamte Gesellschaft zu regieren und das Leben eines jeden Individuums zu bestimmen, sogar in den Augen der überzeugtesten und treusten Gläubigen unrechtmäßig geworden ist“[11]. Rückt sich also in Europa der Religiöse durch ein öffentliches oder zu engagiertes Bekenntnis selbst an den Rand der Gesellschaft? Gilt er nicht leicht, wenn er sich zu offensiv zu seinem Glauben äußert, als etwas vormodern und in seiner Wahrnehmung getrübt, während der bekennend Säkulare sich als wirklich aufgeklärt und objektiv begreift? So wähnen sich gerade bekennende Atheisten nicht selten „im Status des Aufgeklärtseins. Auf das gläubige Bewusstsein blicken manche respektlos herab“ [12]. Scheinen bekennende Atheisten in der öffentlichen Wahrnehmung Wissenschaft, Fortschritt und Objektivität nicht viel eher auf ihrer Seite zu haben als das für bekennende Anhänger einer Religion gilt? Steht nicht der Glaubende häufig in Verdacht, dass er zu objektiven Aussagen kaum in der Lage ist, während im Fall des Atheisten die Beeinflussung seiner Wissenschaft durch seine Weltanschauung kaum je zur Diskussion steht?

Wie klingt es vor diesem Hintergrund, wenn Umfragen ergeben, dass 76% der jungen Muslime in Deutschland zwischen 18 und 29 Jahren an ein Leben nach dem Tod glauben, 78% an ein Paradies, 77% an die Hölle, 64% an die Engel und 60% an den Teufel?[13] Für das weitgehend säkularisierte Europa keine ganz leicht verdauliche Sichtweise, denn: „Ganz grundlegend steht die (gemeint ist: die muslimische, C.S.) Jugendbewegung für etwas, was viele Menschen in Europa für überwunden hielten: Gottergebenheit.“[14]

Ist diese Gottergebenheit, die als eine Art ‚vormoderner’ Glaube begriffen wird, ein Problem? Je gläubiger, je entwicklungsbedürftiger und – vermutlich – auch radikaler? Müssen Muslime ihre religiösen Bindungen reduzieren – oder der Staat der islamischen Religion eine Säkularisierung verordnen – damit seine Anhänger gute Demokraten werden? Ist es letztlich der islamische Glaube, der Muslime an einer erfolgreichen Integration hindert? Können sie erst dann als integriert gelten, wenn sie begeisterte Anhänger des Kölner Karneval, Konsumenten von Bier und Schweinshaxe und Teilnehmer des Christopher Street Day geworden sind?

Selbstverständlich sind nicht alle Muslime – oder besser: Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften – gleichermaßen religiös: schließlich hat sich im Jahr 2007 sogar ein atheistisch ausgerichteter „Zentralrat der Exmuslime und sonstiger nichtreligiöser Menschen e.V“ konstituiert. Parallel zu einer Stärkung mancher islamischen Kräfte in der Türkei hat sich dort in den vergangenen 25 Jahren in Teilen der Bildungsschicht auch eine deutliche Säkularisierung vollzogen. Auch bezeichnen sich z. B. Migranten aus dem Iran zu 55% als „gar nicht oder eher nicht gläubig“, 72% besuchten nie religiöse Veranstaltungen,[15] und gehören damit unter den Menschen aus islamisch geprägten Herkunftsländern zu den seltensten Moscheebesuchern.

Trotz aller notwendigen Differenzierungen zeigen jedoch Umfragen einhellig, dass ein beachtlicher Teil der muslimischen Migrantengemeinschaft ihren islamischen Glauben als integralen Bestandteil ihrer Identität betrachtet: Eine im Jahr 2009 vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ herausgegebene Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ beziffert die Zahl der Muslime in Deutschland, die sich als „eher gläubig“ einschätzen, mit 50% sowie die Zahl derjenigen, die sich als „sehr stark gläubig“ bezeichnen, mit 36%. Diese 86% „gläubigen“ Muslime korrelieren mit der 2007 erhobenen Zahl des Bundesinnenministeriums im Rahmen der Studie „Muslime in Deutschland“, die knapp über 85% „Gläubige“ oder „sehr Gläubige“ ermittelte.[16] Einen noch höheren Anteil von „Religiösen“ (49%) und „Hochreligiösen“ (41%) – also insgesamt 90% Gläubige – ermittelt der von der Bertelsmann Stiftung herausgegebene „Religionsmonitor 2008“.[17] Alle genannten Studien stimmen darin überein, dass die Prozentzahlen für junge Muslime noch etwas höher liegen. Damit ist also für 85%-90% der in Deutschland lebenden Muslime (und in besonderer Weise: der jungen Muslime) der Islam – wenn auch mit Sicherheit nicht in jeder Einzelvorschrift – ein wichtiges Merkmal der eigenen Identität.

Konversionen zum Islam als Bewältigung der Moderne?

Der Islam, eine lebendige Religion bis in die dritte Generation der Zuwanderer hinein, bleibt nicht nur auf den Bereich der Moschee beschränkt: er gewinnt Konvertiten, deren Zahl statistisch allerdings nicht erfasst ist.[18] Konnten noch für die 90er Jahre die Mehrzahl der Übertritte als Heiratskonversionen betrachtet werden,[19] gilt das heute nicht mehr. Auch aus christlichen Familien und Gemeinden[20] werden Menschen Muslime.

Dass es überhaupt Übertritte zum Islam gibt, irritiert nachhaltig, weil eine religiöse Neuorientierung – etwa bei Kirchenwiedereintritten – gesellschaftlich meist weniger spektakulär abläuft als ein per Videokamera dokumentierter und ins Internet eingestellter Übertritt, also eine öffentlichkeitswirksam vollzogene Konversion mit u. U.  dramatischer Lebenswende im europäischen Kontext ungewohnt ist. Zudem irritiert offensichtlich die Tatsache, dass in einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft aufgewachsene Jugendliche nun gerade den Islam wählen, der mit seinem umfangreichen Regelwerk für den Alltag, seinen eindeutig definierten Geschlechterrollen, seinem Alkoholverbot und seiner strikten Sexualmoral auf den ersten Blick als unattraktiv erscheinen könnte. Häufig hat ein Übertritt außerdem eine negative Reaktion von Eltern und Freunden zur Folge.[21]

Warum ist dann der Islam als Religion eigener Wahl attraktiv? Bisher liegen noch zu wenige Studien vor, um eindeutige Schlussfolgerungen ziehen zu können. Liegt ein Grund in dem Wunsch nach eindeutigen Richtlinien in einer Zeit großer Beliebigkeit, in der sich sogar manche hochrangige Kirchenvertreter hinsichtlich des Wahrheitsanspruchs der biblischen Botschaft nicht immer mehr ganz sicher zu sein scheinen? Die Suche nach Orientierung inmitten eines enormen Pluralismus, in dem alle Lebensformen und Welterklärungsmodelle gleichermaßen richtig zu sein scheinen, so dass es Kategorien wie „wahr“ und „falsch“ oder „gut“ und „böse“ und auch eindeutige Verhaltens- und Rollenmuster kaum noch zu geben scheint? So „entsteht der Wunsch nach der Herstellung einer Ordnung für das persönliche Leben, in der sich oft in mehr oder weniger expliziter Form ein Protest gegen die Unordnung der Welt ausdrückt“[22].

Andere Vermutungen zielen mehr in eine theologische Richtung: die leichtere Akzeptanz eines ‚einfachen’ Monotheismus im Islam anstelle einer schwer eingängigen trinitarischen Gottesvorstellung wird ebenso angeführt wie die eindeutigen Handlungsanweisungen des Erlaubten und Verbotenen in einer Religion, die nicht vorrangig eine intensive Gewissensprüfung und innerliche Übereinstimmung mit den gegebenen Werten erfordert, sondern zunächst vor allem das Befolgen sichtbar vollzogener Riten.

Dass ein Bekenntnis gerade zur besonders strengen salafitischen Ausrichtung des Islam auch Ausdruck von jugendlichem Protest sein kann, ist von Jugendlichen selbst als Erklärungsmodell herangezogen worden. Konversion als ein Moment der Abgrenzung – und das um so mehr, wenn ein neuer Name, neue Speisevorschriften und eine neue Kleiderordnung gewählt werden: „Mit schwarzer Lederjacke und Irokesenschnitt kann man heute keinen Lehrer mehr schocken, wenn man allerdings sagt, man sei radikaler Muslim und wolle gerne eine Frau mit Gesichtsschleier heiraten, kann man sich der Reaktionen sicher sein. So mancher, der vor zwanzig Jahren im schwarzen Block marschiert wäre, betet jetzt in der Islam AG“[23].

Darüber hinaus wurden im Rahmen einer britischen Feldstudie die Suche nach dem Sinn des Daseins, soziale und politische Fragen, Unterschiede wie Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum, die Neugier auf andere Religionen, die allumfassende Regelung aller Lebensbereiche durch den Islam sowie die Erfahrung einer engen Gemeinschaft[24] genannt.[25]

Weniger scheint die häufig geäußerte Vermutung einer persönlichen Krise empirischen Studien stand zu halten.[26] Eher scheint sich die Krise als Folge der Konversion und des Unverständnisses der Umwelt zu ergeben als Voraussetzung für die Bekehrung zum Islam zu sein.

Wenden sich formal dem Islam zugehörige Muslime einer intensiveren Praxis oder einem ganz neuen Verständnis des Islam zu, so geschieht dies bei Migranten der zweiten oder dritten Generation meist auf der Suche nach der eigenen Identität, die für viele junge Muslime Europas nicht eindeutig geklärt scheint. Sind sie Deutsche? Türken? Deutsch-Türken? Der Islam als Wurzel, Identifikationsmoment und Standortbestimmung ist aus ihrer Sicht häufigster Grund ihrer Zurückweisung durch die deutsche Gesellschaft und die – in ihren Augen – einseitig negative mediale Berichterstattung über den Islam: „Der Islam ist ihre Lösung. Sie sehen sich als integrationswillig, dennoch haben viele das Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft sie nicht haben will.“[27]

Sind religiöse Muslime in Europa also aufgrund ihrer intensiven Glaubensbindung eine Gefahr für Aufklärung und Moderne? Sind sie aufgrund einer meist als vormodern aufgefaßten Religionspraxis anfällig für politische Radikalisierungen? Im Jahr 2007 äußerte der frühere Innenminister Wolfgang Schäuble, er sei „besorgt über die wachsende Zahl von Bürgern, die zum Islam konvertieren. Dies habe ‚durchaus etwas Bedrohliches’ … Gewiss sei nicht jeder Konvertit ein potenzieller Terrorist, so Schäuble. Aber es wachse ‚bei uns das Phänomen des ‚home-grown terrorism.’“[28] Konversion und Terrorismus – zwei nahe beieinander liegende Phänomene also?

Führt Religion zur Radikalität?

Würde der Islam als Ganzes für Politik und Terror stehen, wären Bedenken gegen die Religion des Islam – ja, ihr Verbot – in der Tat gerechtfertigt. Gäbe es keinen anderen Islam als nur seine politische Variante, müssten tatsächlich alle seine Anhänger unter einen Generalverdacht gestellt werden. Wo der Islamismus politische Extremismen mit der Religion begründet, kann dieser Agitation keinerlei Freiraum gewährt werden. Wo allerdings nur Glaube und Ethik gelebt werden, kann die religiöse Bindung allein nicht Anlass für den Verdacht der Nähe zu Radikalismen sein.

Dass dies leider keine theoretische Diskussion ist, machen der weltweit vernetzte Islamismus und Extremismus nur allzu deutlich. Gerade Konvertiten, die sich der politischen Variante des Islam zuwenden, stellen ein sicherheitspolitisches Problem dar. Wie kommt es aber dazu, dass Menschen sich nicht nur dem Islam zuwenden, sondern sich ein radikalisiertes, politisiertes Verständnis des Islam zu eigen machen? Eine spirituelle Suche allein ist als Erklärungsmuster nicht hinreichend, sie könnte auch in einem mystischen Sufi-Zirkel enden. Dabei ist angesichts eines Vergleichs der Biographien bisher bekannter Jihadisten offensichtlich, dass es den einen, in allen Biographien durchgängig erkennbaren Beweggrund für die Radikalisierung von Muslimen nicht gibt. Es sind vielmehr eine Vielzahl von Gründen, die jedoch bei aller Abweichung im Detail durchaus eine gemeinsame Richtung erkennbar werden lassen.

Ursachen des Jihadismus: Ein konservativer Glaube? Moscheen? Gehirnwäsche? Das Internet?

Zunächst scheint die Vermutung nahezuliegen, dass derjenige, der sich einer jihadistischen Gruppierung anschließt, dies tut, weil er den Koran ‚wörtlich’ auslegt oder ein besonders ‚strenggläubig’ ist. Alle für Europa vorliegenden Studien über Radikalisierungsprozesse in muslimischen Milieus widersprechen jedoch dieser Annahme. Der typische Adept einer jihadistischen Gruppierung hat gerade keine besonders religiöse Vergangenheit und kein gesteigertes Interesse an Theologie, ja, im weltweiten Rahmen betrachtet, haben so gut wie alle führenden Jihadisten eine unzureichende oder gar keine theologische Ausbildung genossen:[29] „Weil sie Ingenieure und nicht Islamgelehrte sind, wissen sie über die 1.400 Jahre der Koranauslegung nicht sehr viel“[30]. Gerade das geringe theologische Wissen macht anfällig für Radikalisierungen, nicht eine zu intensive Beschäftigung mit der islamischen Theologie und den verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten des Korans. Ohne eine entsprechende Unterweisung, dass der Jihad Muhammads gegen seine Feinde im 7. Jahrhundert n. Chr. heute im Terrorkampf gegen den Westen umgesetzt werden muss, bleiben auch die ‚Schwertverse’ des Korans zunächst Berichte historischer Vorkommnisse. Nicht umsonst setzen staatliche Umerziehungsprogramme für ehemalige Jihadisten in Saudi-Arabien, Irak oder Jemen auch auf eine gründliche theologische Unterweisung, die die Kämpfer eine unpolitische Deutung der Jihadverse des Korans lehren[31] und nicht auf eine möglichst gründliche Abwendung der ehemaligen Jihadisten von der Religion.

Obwohl der Verdacht auf den ersten Blick naheliegen könnte, sind Jihadisten keine Psychopathen, die eine Gehirnwäsche durchlaufen haben und nun als fremdgesteuerte Roboter willenlos Befehlen gehorchen. Sie leiden in der Regel an keinerlei erkennbaren mentalen Irritationen.[32] Zumindest die Anführer der Bewegungen sind in aller Regel weder verarmt noch ungebildet, sondern entstammen der aufstrebenden Mittelschicht mit guten Aussichten auf dauerhaften beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg.[33]

Zwar gibt es durchaus auch Moscheen, die als Brutstätten radikaler Lehren in Deutschland und darüber hinaus bekannt sind. Die bevorzugten und häufigsten Orte der Radikalisierung sind die Moscheen jedoch nicht – erst recht nicht die großen, repräsentativen Moscheebauten der DITIB etwa und auch nicht die Moscheen mit besonders hohen Minaretten – sondern vielmehr informelle Orte der Zusammenkunft abseits der Moscheen wie Buchläden, Telefonshops, Schulen, Universitäten und heute immer stärker auch die Gefängnisse.[34]

Über einen längeren Zeitraum hinweg galt das Internet mit seinen weltweit zugänglichen Aufrufen zur Teilnahme am Jihad, seinen Anleitungen zum Bombenbau und glorifizierenden Märtyrerbekenntnissen als einer der gefährlichsten Auslöser von Radikalisierungen schlechthin. Nicht ganz zurecht: Bisher ist in keiner einzigen jihadistischen Biographie das Internet als eigentlicher Auslöser für eine Radikalisierung nachgewiesen worden. Zwar wirkt das Internet als Beschleuniger des Radikalisierungsprozesses, indem es dem zum Jihad Entschlossenen notwendige Informationen (besonders technischer Art) zugänglich macht, nicht jedoch als auslösendes Moment. Nur weil eine Person allein vor seinem Computer eine Bombenbauanleitung betrachtet, wird sie nicht zum Attentäter. In jedem einzelnen Fall jihadistischer Anschläge sind über die Nutzung des Internets hinaus Kontakte zu einer Gruppe und/oder einer spirituellen Führer- bzw. operativen Leiterfigur nachweisbar.[35] Die Entschlossenheit, letztendlich zur  Tat zu schreiten, entsteht durch die notwendige Gruppendynamik in einem Forum und eben nicht unabhängig davon.[36] Das Internet schafft über Chaträume und Diskussionsforen diese notwendige Kommunikationsplattform, die Jihadisten weltweit miteinander verbindet: „Es sind die Foren, nicht die Bilder der passiven Webseiten, die für den Prozess der Radikalisierung von entscheidender Bedeutung sind. Menschen ändern ihre Gesinnung aufgrund von Diskussion mit Freunden und nicht, indem sie einfach nur unpersönliche Geschichten lesen“[37].

Wege in die Radikalität

Zahlreiche Studien, die in Europa sowie auch in Übersee anhand aller verfügbaren Daten über geplante wie zur Durchführung gebrachte jihadistische Anschläge Aufschluss geben, kommen in ihren Analysen zu Radikalisierungsprozessen zu vergleichbaren Ergebnissen. Eine dieser Studien des New York Police Departments mit dem Titel „Radicalization in the West: The Homegrown Threat“[38] fasst, basierend auf Datenmaterial bis zum Jahr 2007, die einzelnen Schritte der Radikalisierung folgendermaßen zusammen:

1. Pre-Radikalisierung

Die erste Stufe der Pre-Radikalisierung erreicht den eher nicht-religiösen, unauffälligen Aspiraten, der offen für Neues ist. Der typische Vertreter hat eher keine intensive kriminelle Karriere hinter sich, ist gebildet, männlich, meist verheiratet und häufig sogar Vater von Kindern. Konvertiten, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen und eine intensive neue Zugehörigkeit suchen, gelten ebenfalls als gefährdet: etwa 25% aller Jihadisten sind Konvertiten.[39] Je isolierter und rigider strukturierter der Aspirant, je gefährdeter ist er für die jihadistische Weltsicht. Er betrachtet sich in einer Gesellschaft, die ihm keinen Platz einräumt, subjektiv als Verachteter und grenzt sich nun seinerseits durch Rückzug und Zugehörigkeit zu einer jihadistischen Gruppe von der Gesellschaft ab. In seiner Autobiographie beschreibt ein Migrant aus dem indisch-pakistanischen Raum in Großbritannien seine prä-radikale Phase typischerweise mit den Worten: „Ich war 16 Jahre alt und hatte keinen einzigen weißen Freund. Meine Welt bestand komplett aus Asiaten, die alle Muslime waren. Das war mein Großbritannien.“[40]

Zwei Personenkreise sind in Europa hinsichtlich einer möglichen Radikalisierung in einer jihadistischen Gruppierung gefährdet:

a) Der Student unter 35 Jahre, der für sein Studium erst im Erwachsenenalter nach Europa zugewandert ist. Er hat nach relativ kurzem Aufenthalt in Europa radikales Gedankengut aufgenommen oder ist bereits damit nach Europa gekommen. Er ist dort seinem gewohnten, auf kollektive Gemeinschaft ausgelegten Umfeld entzogen und häufig stark vereinsamt. Er ist Außenseiter und kommt mit den Freiheiten und Möglichkeiten, aber auch mit der Anonymität und fehlenden Solidarität in seinem neuen Umfeld nicht zurecht. Ein Beispiel dafür ist der ägyptische Kulturwissenschaftler Hamed Abdul-Samad, der die Phase seiner eigenen Orientierungslosigkeit als Student in Deutschland in seiner autobiographischen Erzählung „Mein Abschied vom Himmel“ eindrücklich schildert.[41] Für ihn wäre seine Heimatlosigkeit und sein Empfinden, in der deutschen Gesellschaft ein unerwünschter Fremdkörper zu sein, beinahe Baustein seiner eigenen Radikalisierung geworden: „Junge Muslime fühlen sich zu militanten Gruppen hingezogen, weil sie ihnen Anerkennung und Nestwärme bieten und das Gefühl geben, Teils eines Projektes zu sein. Dagegen wird ihnen sowohl von der deutschen Gesellschaft als auch von den traditionellen islamischen Organisationen das Gefühl vermittelt, ein Problem zu sein.“[42] Abdul-Samad plädiert daher für eine Kultur des Vertrauens und des Brückenbauens zu den Menschen, denn: „Es reicht nicht, Extremisten zu verstoßen, denn dann würden sie untertauchen und sich erst recht radikalisieren.“[43]

b) Die zweite gefährdete Gruppe für den Schritt in die Radikalität sind Söhne – heute auch bereits häufiger Töchter – aus einer Mittelklassefamilie der zweiten oder dritten Migrantengeneration, die in Europa aufgewachsen sind,[44] aber doch das deutliche Empfinden haben, dass sie niemals als Einheimische akzeptiert werden. Sie genießen oft wenig Teilhabe an gesellschaftlichem Fortkommen und sehen sich als Verlierer der Moderne.

Mehrere Studien aus den USA weisen darauf hin, dass die tiefe kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Kluft zwischen Migranten der zweiten und dritten Generation und der Mehrheitsbevölkerung zu einer intensiven Frustration und dem Gefühl von Ausgegrenztsein führt. Ein starkes Gefühl von Isolation und verweigerter Akzeptanz und das Empfinden, niemals dazu zu gehören, scheint für dieses Klientel ein wesentlicher Faktor auf dem Weg in die Radikalität zu sein, so wie ein Jugendlicher aus Hamburg es ausdrückte: „Ich bin hier geboren, habe die deutsche Staatsbürgerschaft, habe hier Abitur gemacht und studiere jetzt. Ich bin Mitglied einer Partei und spende regelmäßig Blut – was soll ich denn noch tun, damit ich als Deutscher akzeptiert werde?“[45] Oder ein anderer:

„Ich bin hier nach Deutschland, und hab deutsche Sprache gelernt (sic), sprech sie auch besser als meine eigene … und fühl mich eigentlich als Deutscher. Nur, wie gesagt, man gibt den andern das Gefühl, dass du keiner bist. Also ich dachte immer ich wär Deutscher, aber man hat mir… klargemacht, du bist kein Deutscher, du bist ein Ausländer. Ob das bei Behörden oder Schulen oder wie auch immer. Und da wirklich merkt man dann, ich gehör nicht dazu. Oder ich soll nicht dazugehören.“[46]

Auf der Suche nach dieser verweigerten Zugehörigkeit ist der ‚inländische Außenseiter’ ganz besonders offen für Angebote der Freundschaft und der Akzeptanz. Diese Freundschaft und Akzeptanz in einer jihadistischen Gruppierung sind um so intensiver, als sich die übrigen Mitglieder in einer ähnlichen Lage befinden. Anzukommen, angenommen zu werden, Gleichgesinnte zu finden und damit ein Stück der gewohnten engen muslimischen Familienkultur wieder herzustellen, macht den Aspiranten offen dafür, auch die Weltsicht dieser Gruppe zu übernehmen.

Durchlaufen diese jungen Leute einen Prozess der Radikalisierung, werden sie als ‚home-grown terrorists’ bezeichnet. Sie werden nicht von der Religion an sich oder von dem Leiden ihrer Brüder in Palästina angetrieben, nicht von Rache oder Verzweiflung. Sie sind auf der Suche nach einer Identität, nach einem Platz in der Gesellschaft und einem Sinn in ihrem Leben, und das um so mehr, als dass auch ihre traditionelle muslimische Gemeinschaft durch die häufige Verteilung der Familie über mehrere Kontinente durch die Migration zerrissen ist.[47] Migration an sich scheint für manche junge Muslime ein wesentliches Moment für die Anfälligkeit für jihadistische Bewegungen zu sein. In manchen jihadistischen Gruppierungen sind 80 bis 85% der Mitglieder entweder selbst Migranten oder aber Nachkommen von Migranten bzw. leben in der Diaspora, jedenfalls nicht in ihrem Herkunftsland – eine erschreckend hohe Zahl.[48]

Wer das Leben in der Diaspora so stark als Niederlage interpretiert, als Demütigung, Diskriminierung und fortwährende Frustration, mag seinen Sinn schließlich darin finden, gegen diese Gesellschaft zu kämpfen. Chancenlosigkeit produziert weiteren Rückzug und Rückzug weitere Chancenlosigkeit – ein Teufelskreis. Wenn ein persönliches Vorbild oder Freunde den einsamen Entwurzelten davon überzeugen, dass es in dieser ungerechten, gottlosen Gesellschaft jedermanns persönliche Pflicht sei, den Jihad für die Umformung in eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen, dann wird die erlebte Diskriminierung einerseits wie im Brennglas zusätzlich vergrößert, aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit zur Veränderung der deprimierenden Umstände in Aussicht gestellt. Ein übriges bewirken Medienberichte mit als einseitig empfundenen Darstellungen des Islam als Motor des Terrorismus, womit der Kampf als gerechtfertigte Verteidigung erscheint.[49]

2. Identifikation mit der radikalen Orientierung

Beim Eintritt in die „gegen-kulturelle Gruppierung“ liegt „die Betonung … auf der emotionalen Partizipation“[50], auf der Zuweisung einer Aufgabe unter Brüdern und Schwestern, einer neuen Zugehörigkeit, einer Wiedererlangung von Respekt und Würde, nicht auf der akademischen oder theologischen Diskussion eines Lehrgebäudes oder dem abgewogenen Vergleich unterschiedlicher Auslegungen des Islam.

Sehr häufig gerät der Aspirant in eine Gruppe, zu dessen Mitgliedern er schon zuvor verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen besaß. Zum Teil sind es langjährige Verbindungen, die sich als so stark erweisen, dass sie in der Umwelt von Ablehnung und Unsicherheit festen Halt bieten. Dies gilt insbesondere in Zeiten der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen oder persönlichen Krise, die sich durch einen Arbeitsplatzverlust, den Tod eines Angehörigen oder eine Diskriminierungserfahrung ergeben kann. In manchen Fällen eröffnet sich dem Kandidaten in diesem Kreis sogar die Möglichkeit einer Eheschließung.

Hat sich der Aspirant der Gruppe angeschlossen und dort verlässliche und feste Freundschaften aufgebaut, identifiziert er sich mehr und mehr mit der radikalen Ideologie, die in dieser Gruppe von ihrem charismatischen Leiter gelehrt wird. Alte Lebensgewohnheiten, Kontakte oder sogar die Verbindung zur eigenen Familie werden nun möglicherweise aufgegeben, der Kleidungsstil islamisiert und das ganze Leben auf Kompatibilität mit dem Leben in der frühislamischen Gesellschaft überprüft werden.

3. Die Phase der Indoktrination: Akzeptanz radikaler Antworten

In der Phase der Indoktrination werden die radikalen Auffassungen der jihadistischen Gruppe vollständig akzeptiert. Auch die Anwendung von Gewalt gegen den Westen oder ‚die Ungläubigen’ werden jetzt offen diskutiert und von allen Mitgliedern als zur Verteidigung notwendig akzeptiert. Der Jihad wird zur individuellen Pflicht erklärt, den alle Muslime kämpfen müssen, um den wahren Glauben und ein Leben nach den Geboten der Scharia aufzurichten. Die Veränderung der konkreten Lebensumstände der Mitglieder werden in Aussicht gestellt, das baldige Anbrechen einer Heilszeit durch eine notwendige Tat beschworen.

In dieser Phase treffen sich die Mitglieder der Gruppe meist nicht mehr in der Moschee, sondern außerhalb, z. B. in einer Privatwohnung, da andere Muslime im Licht der eigenen radikalen Beurteilung letztlich in die Nähe von Ungläubigen rücken. Das Internet vermittelt zusätzliche Informationen über die Möglichkeiten, selbst einen Anschlag durchzuführen, ebenso Märtyrervideos derjenigen, die ihr Attentat bereits erfolgreich ausgeführt haben. Das Internet dient nun als Beschleuniger der Radikalisierung; seine Botschaften treffen jedoch auf bereits radikalisierte Mitglieder einer konspirativen Gruppe.

4. Die Ausführung des Anschlags

Wenn die vierte Phase anbricht, haben die einzelnen Mitglieder ihre Beteiligung am Jihad akzeptiert. Er gilt ihnen nicht mehr als Angriffskrieg, sondern nur noch als Verteidigung, auch wenn dabei Unbeteiligte umkommen. Das Ziel ist die Aufrichtung der ‚gerechten’ Gesellschaft, die in direktem Gegensatz zur gegenwärtig erlebten Gesellschaft steht. Die Welt ‚dort draußen’ mit ihren teuflischen Kräften wird abgelehnt, es entsteht das Gefühl, dass die eigene Gruppe unter akuter Bedrohung lebt. Die utopische Weltordnung von morgen scheint in greifbarer Nähe gerückt, die kleine Avantgarde in der Lage, durch einen Kampf gegen die Mächte des Bösen die bessere Zukunft herbeizuführen.[51]

Die letzte Phase bis zur konkreten Planung und Ausführung eines Attentats kann sehr kurz sein. Auch in dieser Phase spielen Videos über den Jihad, Blogs und Foren noch eine wichtige Rolle. Der Anschlag wird konkret geplant, die Rollen unter den Mitgliedern der Gruppe verteilt. Häufig wird ein Testament verfasst oder ein Abschiedsvideo gedreht. Ist das einmal geschehen, ist der „point of no return“ erreicht. Die Gruppendynamik spielt eine wichtige Rolle, so dass zu diesem Zeitpunkt keine Person mehr die Gruppe verlässt. Ob ein Anschlag zur Ausführung kommt, scheint ganz wesentlich an der Entschlossenheit ihres geistigen Mentors zu liegen.

Der Prozess der Radikalisierung kann unbemerkt und leise vor sich gehen. Eindeutige Anzeichen gibt es nicht. Rückzug von der Gesellschaft, ein islamischer Kleidungsstil, eine intensive Nachahmung des Lebens Muhammad oder ein Abbrechen des Kontaktes zur Familie können ernsthafte Warnzeichen sein, sind aber einzeln keine eindeutigen Indikatoren für einen Eintritt in eine jihadistische Gruppierung.

Radikale Gruppen bieten klare Regeln und einfache Feindbilder, eine Elite-Identität, den Einsatz für eine vermeintlich gerechte Sache, einen Platz innerhalb der Gesellschaft im Diesseits, Bewunderung durch die muslimische Gemeinschaft, die Wiederherstellung der verloren geglaubten Ehre, die Gemeinschaft Gleichgesinnter und die Wiederherstellung der ‚natürlichen’ Ordnung, in der der ‚wahre’ Islam und die Ordnung der Scharia siegen werden. Die radikalisierte Gruppierung wird zum ‚sichtbaren Jenseits’, zur besseren Welt der Gläubigen mit dem Ziel, die ‚reine’ islamische Gesellschaft nach dem Vorbild Muhammads zu erschaffen. Sie bietet dem Entwurzelten ein Zuhause, wahre Freundschaften und eine neue Familie. Das ist ihre Hauptattraktivität.

Fazit

Der Jihadismus – eine echte Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit Europas. Der Kampf gegen diese Bedrohung wird nicht allein zu gewinnen sein durch die Verfolgung von Terroristen, bessere Sicherheitssysteme und eine stärkere Überwachung von Verdächtigen, obwohl dies selbstverständlich wichtige Maßnahmen zum Schutz der Allgemeinheit sind. Der Kampf gegen den Terror wird wohl nur durch eine Austrocknung des fruchtbaren Humusbodens zu gewinnen sein, auf den derzeit die jihadistische Lehre bei einem Teil der Migrantengemeinschaft fällt.

Gegenüber der westlichen Welt hat sich unter Migranten das Gefühl einer dauerhaften Fremdheit, in islamisch geprägten Kulturen große Wut angestaut. Der „Kreuzzug“ gegen die „Achse des Bösen“ bei gleichzeitig öffentlich aufgedeckten doppelmoralischen Standards für die Supermacht der Besatzer des Irak (Stichwort: Guantananmo Bay, Abu Ghraib, Entziehung vor Schiedssprüchen durch den Internationalen Gerichtshof) wird als Feldzug zur Vernichtung des Islam gedeutet. Die Folge ist nicht nur ein Gefühl der Demütigung, sondern daraus resultierende Feindseligkeit sowie innere Emigration in den europäischen Aufnahmegesellschaften.

Deutschland leidet noch immer an den Spätfolgen der jahrzehntelang politisch gehegten und in der Bevölkerung bereitwillig geglaubten Illusion vom vorübergehenden Aufenthalt der Gastarbeiter sowie daran, Integration und Sprachförderung nicht früh und entschlossen genug betrieben zu haben, um den Entwurzelten dauerhaft Heimat bieten zu können. Eine Konsequenz aus der Erkenntnisverweigerung des dauerhaften Zusammenlebens war die Gleichgültigkeit gegenüber politischen Netzwerken, die sich dieses Vakuum zu nutze machten, um die Zugewanderten auf ihre politisch-islamistische Agenda einzuschwören, die u. a. Seklusion von der westlichen Gesellschaft hieß. Diese Agenda trifft deshalb auf soviel Sympathie bei den Zugewanderten, weil deren Abschottungs- und Rückzugsparolen sowie Verurteilung der westlichen Gesellschaft mit den alltäglichen Erfahrungen vieler Migranten nur allzu leicht in Deckung zu bringen sind,[52] wie Ed Husain für Großbritannien der 80er Jahre konstatiert:

„Abgesondert von Großbritannien, isoliert von der östlichen Kultur unserer Eltern, gab uns der Islamismus einen Sinn und einen Platz im Leben.“[53] Diesen Sinn und Platz im Leben finden derzeit zu wenige Migranten in den westlichen Gesellschaften. Die jihadistische Gruppierung schafft dazu ein Gegengewicht, denn: „Anstelle eines ziellosen Treibenlassens und der Suche nach egozentrischen Vergnügungen, werden ihre Mitglieder Teil eines kollektiven, herausfordernden Projekts, das alle ihren Enthusiasmus, ihre Hingabe und ihre Bereitschaft, Opfer zu bringen, mobilisiert. Das ist es, was die Zivilgesellschaft ihnen nicht so leicht bieten kann: ihnen wird ein Platz innerhalb einer Gemeinschaft angeboten, der ihnen Akzeptanz und Zugehörigkeit bietet, dazu ihrem Leben Zielsetzung und Bedeutung verleiht.“[54]

Gibt die radikale Gruppe dem Adepten das Gefühl von Gemeinschaft und wirkt sinnstiftend in einem Umfeld, das aufgrund persönlicher wie wirtschaftlicher Krisen als sinnlos und leer erlebt wird, kann der Schritt zur Radikalisierung in einer Gruppe von Gleichgesinnten u. U. sehr kurz sein: „Junge Leute mit einem großen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Akzeptanz werden der ‚Bombardierung mit Liebe’ ausgesetzt …, Liebe, Akzeptanz und persönliche Bestätigung und Einbeziehung in eine Bruder-/Schwesternschaft von Freunden“[55]. Aufgrund dieses Nährbodens ist das Radikalisierungspotential auch unter Muslimen in Deutschland nicht unerheblich, auch wenn derzeit nur ca. 1% der Muslime Mitglied in einer extremistischen Gruppierung sind. Aufgrund der vielfältigen Faktoren jedoch, die eine Radikalisierung herbeiführen können, kann dieses latente Potential für eine politisch-religiös motivierte Radikalisierung in Deutschland, so betont die Studie „Muslime in Deutschland“, nicht klar beziffert werden. Die Autoren gehen jedoch aufgrund ihrer umfangreichen Datenerhebung aus den Jahren 2004 bis 2007 von ungefähr 10-12% der Muslime in Deutschland aus, was eine Größenordnung zwischen 350.000 und 500.000 Menschen bedeuten würde.[56]

Im politischen Bereich müssen einerseits sinnvolle Grenzen für überdimensionierte Moscheebauten ausgehandelt, überzogene Forderungen an den Staat nach vermehrten Minderheitenrechten abgewehrt und der Opfermentalität mancher muslimischer Gruppierungen deutliche Integrationserwartungen entgegengehalten werden. Gesetze und ihre konsequente Anwendung, Überwachung und Verbote radikaler Gruppen sind unverzichtbarer Bestandteil für die Sicherheit Europas. Sie alleine reichen aber nicht aus, um den „Kampf um die Köpfe und Herzen der muslimischen Gemeinschaft“[57] zu gewinnen und das nicht unerhebliche Radikalisierungspotential auszutrocken, so dass sich in Zukunft weniger Menschen von der Gesellschaft abwenden, in der sie sich als diskriminierte Randfiguren empfinden.

Die vor uns liegende Aufgabe liegt darin, diese Menschen in der Mitte – nicht am Rand – unserer Gesellschaft ankommen zu lassen. Dazu müssen ihrerseits Voraussetzungen erfüllt werden wie der vermehrte Erwerb von Bildung und die Bereitschaft, sich dauerhaft und überzeugt in dieser Gesellschaft zu engagieren. Je mehr Vorbilder jedoch geschaffen werden, je durchlässiger die Schranken und je attraktiver die Gesellschaft, je mehr wird radikalen Gruppen das Wasser abgegraben, und mehr Menschen werden widerstandsfähig gegen die todbringende Botschaft von Jihad und Vernichtung.[58]

Die Frage, ob wir die Entwurzelten in unseren Gesellschaften ihrer Isolierung, ihrer Wut und Verlorenheit entziehen können, wird nach Meinung aller führenden Experten mit darüber entscheiden, wie viele Anschläge Europa noch erleben wird.[59] Wenn mehr Muslime sich mit ihrer Religion akzeptiert sehen und begreifen, dass sie Europäer und gleichzeitig Muslime sein können und damit alle Chancen in dieser Gesellschaft besitzen, werden weniger Radikale mit ihrer Botschaft auf offene Ohren stoßen, dass der Westen sie ablehnt, weil sie Muslime und als Religiöse ‚verdächtig’ sind. Doch dazu wären zunächst ein Mentalitätswandel und eine neue Sichtweise auf die bekannte Problematik erforderlich.


[1] Das Ergebnis der demokratischen Volksabstimmung sei geradezu „eine Gefahr für die Demokratie“ (http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/eine-gefahr-fuer-die-demokratie/) (19.12.2009)

[2] So z. B. eine erste Stellungnahme der UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay: UNO: Minarett-Verbot ist klar diskriminierend. in: Die Presse, 1.12.2009 (http://diepresse.com/home/politik/525460/index.do) (19.12.2009) Ähnlich hatte sich der Verantwortliche für den Interreligiösen Dialog des Vatikan am 4.12.2009 geäußert: Schweiz/Vatikan: Minarett-Debatte stellt vor neue Fragen. (http://www.radiovaticana.org/TED/Articolo.asp?c=339632) (19.12.2009)

[3] So Philipp Gut. Ein Ja zur Demokratie (http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-48/artikel-2009-11-29-kommentar-zur-minarett-abstimmung-ein-ja-zur-demokratie.html) (19.12.2009)

[4] So der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach: Schweizer Minarett Verbot. Bosbach attestiert Deutschen Angst vor Islamisierung. Spiegel-Online, 30.11.2009 (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,664161,00.html) (19.12.2009)

[5] Angst vor Eurabien, in: Der Spiegel, 7.12.2009, S. 112

[6] Große Mehrheit der Deutschen besorgt über den Islam. Die Welt, 12.12.2009, S. 4

[7] Muslimisches Leben in Deutschland, hg. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg: 2009, S. 338

[8] So die Ergebnisse der Befragung Muslims in Europe: A Report on 11 EU cities des Londoner Open Society Institute (OSI) (http://www.ufuq.de/newsblog/605-studie-qmuslims-in-europe-a-report-on-11-eu-citiesq) (19.12.2009)

[9] Katrin Brettfeld; Peter Wetzels. Muslime in Deutschland. Eine Studie des Bundesinnenministeriums zu Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Hamburg: 2007, S. 109

[10] „Churches are for he most part empty and religion is regarded as a curiosity.“ Marc Sageman. Leaderless Jihad. Terror Networks in the twenty-first Century.  University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008, s. 105

[11] Danièle Hervieu-Léger. Pilger und Konvertiten. Religion in Bewegung. Würzburg: Ergon, 2004, S. 17

[12] Reinhard Hempelmann. Intoleranter Atheismus. In: EZW Materialdienst 1/2008, S. 3

[13] So die Erhebung des Religionsmonitors 2008: Muslimische Religiosität in Deutschland. Überblick zu religiösen Einstellungen und Praktiken. Bertelsmann Stiftung: Gütersloh 2008, S. 54

[14] Julia Gerlach. Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland. Lizenzausgabe Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn, 2006, S. 210

[15] Muslimisches Leben in Deutschland a. a. O., S. 139+307

[16] Brettfeld; Wetzels. a. a. O., S. 138

[17] Religionsmonitor 2008, a. a. O

[18] Die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, a. a. O., S. 58, nennt eine – allerdings sehr vage – Gesamtzahl von 13.000 bis 100.000 Konvertiten für Deutschland.

[19] So schätzt Monika Wohlrab-Sahr 1996 aufgrund von Feldstudien in Deutschland und den USA die Zahl der Konvertiten bis 1996 aufgrund von Eheschließung bei Frauen auf 2/3 der Gesamtzahl: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA – eine funktionale Perspektive. In: Hubert Knoblauch; Volkhard Krech; Monika Wohlrab-Sahr (Hg.) Religiöse Konversion. Systematische und fallorientierte Studien in soziologischer Perspektive. Universitätsverlag Konstanz: Konstanz, 1998, S. 125-146, hier S. 129

[20] Vgl. die biographische Erzählung einer Konvertitin aus evangelischem Elternhaus: Johanna al-Sain; Ernst Schrupp. Ich kämpfte für Allah. Eine Frau auf der Suche nach Wahrheit. R. Brockhaus: Wuppertal, 2000

[21] In einer britischen Feldstudie wurde lediglich eine Zahl von 10% Konvertiten erhoben, die eine positive bzw. unterstützende Reaktion ihrer Umwelt erlebt hatten. Die ablehnenden Reaktionen gliederten sich auf in dauerhaft und vorübergehend ablehnende Reaktionen: Kate Zebiri. British Muslim Converts. Choosing Alternative Lives.  One World: Oxford, 2008, S. 71ff.

[22] Hervieu-Léger. Pilger. a. a. O., S. 96

[23] Islamische Jugendtrends in Deutschland: Zwischen Integration und Provokation. In: Themenheft: Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus, hg. von der Bundeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, Berlin 2008, S. 8

[24] Manche Konvertiten berichteten allerdings, dass sie in der neuen muslimischen Gemeinschaft immer am Rand gestanden hätten, nie jedoch Verantwortung übernehmen und Einfluss ausüben konnten. Einigen Konvertiten begegneten weniger praktizierende Muslime mit Ablehnung. Zebiri. Converts. a. a. O., S. 62-67

[25] So Zebiri. Ebd., S.  55+57

[26] Ablehnend etwa die Stellungnahme der – selbst zum Islam konvertierten – Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald. New Muslims in the European Context. The Experience of Scandinavian Converts. E. J. Brill: Leiden, 2004, S. 94; von Krisenerfahrungen als möglichem Beweggrund für eine Konversion geht dagegen Monika Wohlrab-Sahr aus: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA. Frankfurt: Campus, 1999, S. 357+360

[27] Gerlach. Pop. a. a. O., S. 96

[28] Deutsche Islam-Konvertiten. Islam als Alternative? (http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-640/i.html) (19.12.2009)

[29] So u.a. eine Studie der britischen Regierung: Pursue, Prevent, Protect, Prepare. Countering the terrorist threat: The UK Government’s strategy, S. 42 (http://www.fco.gov.uk/resources/en/pdf/3849543/pppp-strategy.pdf) (21.12.2009)

[30] „Since they are engineers and not Islamic scholars, they do not know much about 1,400 years of Quranic commentaries.“ Marc Sageman. Leaderless Jihad. Terror Networks in the twenty-first Century.  University of Pennsylvania Press: Philadelphia, 2008, S. 59

[31] S. z. B. den Bericht von Alexander Ritzmann. Wie man Terroristen mit Terroristen bekämpft. Die Welt, 23.4.2008 (http://www.welt.de/politik/article1929216/Wie_man_Terrorismus_mit_Terroristen_bekaempft.html) (22.12.2009)

[32] So übereinstimmend alle verfügbaren Studien zur Radikalisierung von Jihadisten. Eine ausführlichere Begründung s. z. B. bei: Profiling Islamic Suicide Terrorists. A Research fort he Danish Ministry of Justice, submitted 27 November 2003, S. 18-19 (http://www.cpt-mi.org/pdf/profiling_arab_terr.pdf) (21.12.2009)

[33] So auch Sageman. Jihad. a. a. O., S. 48

[34] Frankreichs Innenministerium beschäftigte sich bereits 2008 auf einer europäischen Expertenkonferenz mit der Problematik, dass  Gefängnisse – und das gilt nicht nur für Frankreich – heute bevorzugte Orte der Radikalisierung von Muslimen geworden sind. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie der Quilliam-Foundation für britische Gefängnisse: „Universitäten des Terrors“: Studie über Muslime in britischen Gefängnissen, FAZ, 17.11.2009, S. 6

[35] Zu diesem Ergebnis kommt auch die europaweit angelegte Studie des in London ansässigen „Change Institute“ der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2008: „Studies into violent radicalisation; Lot 2. The beliefs, ideologies and narratives“, S. 4 (http://ec.europa.eu/justice_home/fsj/terrorism/prevention/docs/ec_radicalisation_study_on_ideology_and_narrative_en.pdf) (21.12.2009)

[36] So auch Oliver Roy. Al-Qaeda: A True Global Movement. in: Rik Coolsaet. Jihadi Terrorism and the Radicalisation Challenge in Europe. Ashgate: Aldershot, 2008, S. 109-114, hier S. 112

[37] „It is the forums not the images of the passive websites, which are crucial in the process of radicalization. People change their minds through discussions with friends, not by simply reading impersonal stories.“ Sageman. Jihad. a. a. O., S. 116

[38] http://www.nypdshield.org/public/SiteFiles/documents/NYPD_Report-Radicalization_in_the_West.pdf (22.12.2009)

[39] Diese Zahl nennt Roy. Al-Qaeda. a. a. O., S. 111

[40] „I was sixteen years old and I had no white friends. My world was entirely Asian, fully Muslim. This was my Britain.“ Ed Husain. The Islamist. Why I joined radical Islam in Britain, what I saw inside and why I left. Penguin Books: London, 2007, S. 35

[41] Hamed Abdel-Samad. Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland. Köln: Fackelträger, 2009

[42] „Verfluchte Freiheit“. Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. In: ufuq Nr. 15/Dezember 2009, S. 7 (http://ufuq.de/newsblog/607-verfluchte-freiheit-ein-gespraech-mit-hamed-abdel-samad) (21.12.2009)

[43] Ebd.

[44] Die Einteilung in diese beiden Gruppierungen belegt ausführlich der Direktor des Immigration and National Security Prgramms am Nixon Center, Robert S. Leiken. Europe’s Angry Muslims. In: Foreign Affairs. 84/2005, S. 120-135, hier S. 126/127

[45] Gerlach. Pop. a. a. O., S. 218

[46] So ein Interviewpartner der Studie von Brettfeld; Wetzels. Muslime. a. a. O., S. 450

[47] Auf diesen Aspekt der familiären Entwurzelung weist besonders die Studie des dänischen Justizministeriums hin, die die Profile von 247 an 193 Angriffen (1982-2003) beteiligten Tätern, allerdings nicht ausschließlich für Europa, erstellte: Suicide Terrorists. a. a. O., S. 15

[48] Sageman. Jihad. a. a. O., S. 65

[49] So ein Ergebnis der Studie des MI 5: Behavioural Science Unit Operational Briefing Note: Understanding radicalisation and violent extremism in the UK gemäß der Zusammenfassung unter http://www.guardian.co.uk/uk/2008/aug/20/uksecurity.terrorism (22.12.2009)

[50] „counter-cultural groups … The emphasis is on emotional participation.“ Karsten Hundeide. Becoming a committed Insider. In: Culture & Psychology 9/2003, S. 107-129, hier S. 122

[51] So für die Niederlande zusammenfassend Rudolph Peters. Dutch Extremist Islamism: Van Gogh’s Murderer and His ideas. In: Coolsaet. Terrorism. a. a. O., S. 126

[52] So auch Quintan Wiktorowicz: Al-Muhajiroun and Radical Islam, S. 5 (http://insct.syr.edu/Projects/islam-ihl/research/Wiktorowicz.Joining%20the%20Cause.pdf) (21.12.2009)

[53] „Cut off from Britain, isolated from the Eastern culture of our parents, Islamism provided us with a purpose and a place in life.“ Husain. Islamist. a. a. O., S. 73

[54] „Instead of goal-less drifting and seeking of egocentric pleasures, members become part of a collective and challenging project that mobilizes all their enthusiasm, commitment and willingness to sacrifice. This is what civic society cannot so easily offer them: they are offered a place inside a community that gives them acceptance and belonging plus direction and meaning to their life.“ Hundeide. Insider. a. a. O., S. 123

[55] „Youngsters with a strong need for belonging and acceptance are exposed to ‚love bombing’ … love, acceptance and personal confirmation and inclusion into a brother/sisterhood of friends.“ Ebd., S. 113

[56] Brettfeld; Wetzels. Muslime. a. a. O., S. 494

[57] Sageman. Jihad. a. a. O., S. 94

[58] So auch der Lösungsansatz von Collin Mellis, Policy Advisor on Radicalisation, City of Amsterdam in seinem 2006 veröffentlichten Papier: Amsterdam and Radicalization. The Municipal Approach, S. 4 (http://www.docstoc.com/docs/17285589/Amsterdam-and-Radicalization), vgl. auch die ausführlichere niederländische Fassung: Ders.: Amsterdam tegen Radicalisering (http://www.vng.nl/Praktijkvoorbeelden/VEIL/2007/amsterdam_tegen_radicalisering_2007.pdf) (21.12.2009)

[59] Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie der britischen Regierung: Pursue. a. a. O., S. 10

„Es ist kein Zwang in der Religion“ (Sure 2,256): Konversion und Glaubensfreiheit im Islam

Februar 20, 2012 by · Leave a Comment 

„Es ist kein Zwang in der Religion“ (Sure 2,256): Gewährt der Islam Glaubensfreiheit? Nur dann, wenn es um die Hinwendung zum Islam geht. In der Regel halten Muslime ebenso wie Vertreter der islamischen Theologie die Hinwendung eines Menschen zum Islam für wünschenswert, während seine Abwendung, sein „Abfall“ sehr negativ beurteilt wird. Das gilt umso mehr, wenn sich der „Apostat“ einer anderen Religion zuwendet, wie etwa dem christlichen Glauben. Muslime, die offen bekennende Atheisten oder Christen werden oder einer nicht anerkannten Minderheit wie den Baha’i angehören, sehen sich mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert:

Oft steht ihre Familie ihrer Entscheidung mit völligem Unverständnis gegenüber und versucht, sie umzustimmen, bedroht oder verstößt sie sogar, denn Abfall bedeutet für sie Schande, Verrat und Skandal. Der Konvertit kann in den meisten islamischen Ländern nach Gesetz enterbt werden, ihm droht die Zwangsscheidung, seine Kinder können ihm entzogen werden, und er verliert oft seine Arbeitsstelle und sein Zuhause. In dramatischen Fällen kann es soweit kommen, dass Mitglieder der Familie oder Gesellschaft selbst Hand an den Konvertiten legen und ihn misshandeln oder versuchen, ihn umzubringen. Manche Muslime glauben, die gesellschaftliche Schande nicht ertragen zu können, andere hören vom Imam oder Mullah, dass es nach Schariarecht die Pflicht jedes Gläubigen sei, Konvertiten auch ohne Gerichtsverhandlung zu töten.

Folgen des Abfalls vom Islam

Daher gehört der Vorwurf des Unglaubens, des Abfalls vom Islam und der Blasphemie in islamisch geprägten Gesellschaften zu den folgenschwersten Anklagen überhaupt. Nicht immer zielt er darauf ab, dass eine Person den Islam verlassen oder sich der Gotteslästerung schuldig gemacht hat. Er richtet sich auch gegen missliebige politische Gegner oder wird benutzt, um Besitz zu erpressen. Dies ist besonders in Pakistan der Fall, wo die ab 1980 schrittweise eingeführten Blasphemiegesetze als scharfe Waffe benutzt werden, um vor allem Minderheiten wie die Ahmadiya und Christen unter Druck zu setzen. Dort haben bereits mehrere Politiker – bisher vergeblich – versucht, die Blasphemiegesetze zu entschärfen:

So wurde Shabazz Bhatti, Minister für Religiöse Minderheiten und Mitglied der regierenden Pakistan Peoples Party (PPP), in Islamabad am 02.03.2011 ermordet, nachdem er angekündigt hatte, die Blasphemiegesetze revidieren zu wollen. Auf dem Weg zu seinem Ministerium war er von drei Attentätern aus seinem Wagen gezerrt und in aller Öffentlichkeit hingerichtet worden. Die Terrorgruppierung Tehrik-i Taliban Pakistan (TTP) übernahm die Verantwortung für die Tat. Das Ministerium für Religiöse Minderheiten wurde von der Regierung daraufhin aufgelöst. Die regierende Pakistan Peoples Party (PPP) verurteilte die Taten nur verhalten und zog nach heftigen Straßenprotesten ihren Antrag auf Revision der Blasphemiegesetze im Parlament zurück.

Koran, Überlieferung und Theologie über den Abfall

Zwar sagt der Koran: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (Sure 2,256). Auch haben muslimische Theologen im Laufe der Geschichte der Koranauslegung häufig betont, dass niemand zur Konversion zum Islam gezwungen werden dürfe. Das spiegelt sich auch mindestens in Teilen der islamischen Eroberungsgeschichte wider. Christen und Juden durften in den von Muslimen eroberten Gebieten in der Regel ihren Glauben und ihre religiöse Autonomie behalten, mussten also nicht konvertieren, wurden dafür aber „Schutzbefohlene“ (dhimmi), die Sondersteuern entrichten und sich unterwerfen mussten. Sure 2,256 bedeutet nach überwiegender Meinung der Theologen aber nicht, dass der Islam für den freien Religionswechsel, für Religionsfreiheit im umfassenden Sinne oder die Gleichberechtigung aller Religionen eintreten würde. So waren Juden und Christen im Laufe der Geschichte im islamisch eroberten Gebiet Geduldete, Bürger zweiter Klasse und rechtlich Benachteiligte, da sie einer durch den Islam überholten – und durch die Abweichungen vom Islam als verfälscht beurteilten – Religion anhingen.

In der Tatsache, dass schon der Koran das Juden- und Christentum als minderwertige Religionen ansieht, liegt ein Grund, warum eine Konversion zum Christentum als grundlegend falsch gilt. Denn sie scheint ein Rückschritt zu einem überholten Glauben zu sein, der aus Sicht des Islam durch das Kommen des Islam und Muhammad, das „Siegel der Propheten“ (Sure 33,40), abgelöst wurde. Die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte“ nennt in Art. 10 den Islam „die Religion der reinen Wesensart“. Zudem gilt das Christentum oft als „westliche“ Religion, als Religion der Kreuzfahrer und Kolonialherren, und wird mit westlich-politischer Dominanz verknüpft.

Abfall bedeutet Schande und politischen Aufruhr

Ein weiterer Grund für die Ablehnung des freien Religionswechsels liegt in der Tatsache, dass die Abwendung vom Islam von vielen Muslimen nicht als Privatangelegenheit betrachtet wird, sondern als Schande für die ganze Familie oder sogar als politisches Handeln, als Unruhestiftung, Aufruhr oder Kriegserklärung an die muslimische Gemeinschaft. Weil sich nach Muhammads Tod im Jahr 632 mehrere Stämme auf der Arabischen Halbinsel, die den Islam zunächst angenommen hatten, wieder von ihm abwandten, bekämpfte Abu Bakr, der erste Kalif nach Muhammad, diese Stämme in den sogenannten ridda-Kriegen (Abfall-Kriegen) und schlug ihren Aufstand erfolgreich nieder. Daher ist der Abfall vom Islam im kollektiven Gedächtnis der muslimischen Gemeinschaft von der Frühzeit an mit politischem Aufruhr und Verrat verknüpft.

Der Koran spricht einerseits vom Unglauben der Menschen und vom „Abirren“ (2,108), dem der „Zorn Gottes“ (9,74) sowie die „Strafe der Hölle“ (4,115) drohen, definiert aber kein irdisches Strafmaß und benennt kein Verfahren zur einwandfreien Feststellung der Apostasie. Einige Verse scheinen sogar die freie Religionswahl nahezulegen (z. B. 3,20), während andere, wie etwa Sure 4,88-89, Muslime ermahnen, die zu „greifen und zu töten“, die sich abwenden. Ein vieldeutiger Textbefund also, der von einigen wenigen muslimischen Theologen so ausgelegt wird, dass der Koran volle Religionsfreiheit befürworte, während andere argumentieren, der Koran votiere für die Todesstrafe bei Abfall.

Die bis zum 9./10. Jahrhundert zusammengetragene islamische Überlieferung verurteilt den Abfall schärfer und fordert nun auch eindeutiger die Todesstrafe. Dieser Forderung schließen sich bis zum 10. Jahrhundert die Gründer und Schüler der vier sunnitischen Rechtsschulen sowie der wichtigsten schiitischen an, so dass die Mehrzahl der einflussreichen Theologen der Frühzeit des Islam die Todesstrafe bei Konversion fordert und dies in den Strafrechtstexten der Schariakompendien niederlegt.

Ob die Todesstrafe, besonders in der Frühzeit des Islam, in jedem Fall vollzogen wurde, ob der Abgefallene Gelegenheit zur Reue erhielt und wer überhaupt berechtigt war, den Abfall zu beurteilen und den Beschuldigten anzuklagen und hinzurichten, ist aus der Geschichte nicht lückenlos zu rekonstruieren. Bis zum 19. Jahrhundert sind einige konkrete Fälle von Hinrichtungen bekannt, aber auch Fälle von Begnadigungen.

Die Brisanz der Apostasie heute

Im 20. Jahrhundert erhält die Thematik eine ganz neue Bedeutung. Im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Islamismus und der Forderung politisch-islamischer Kräfte, die Scharia in vollem Umfang zur Anwendung zu bringen, erheben sich vermehrt Rufe nach der Hinrichtung von Apostaten. Progressive Koranausleger, Frauenrechtlerinnen, Journalisten und Autoren, Säkularisten und Angehörige von Minderheiten werden vermehrt wegen Apostasie angezeigt. So kam es in den letzten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts in Ägypten zu mindestens 50 Anklagen wegen Apostasie vor Gericht (darunter der berühmte Fall Nasr Hamid Abu Zaid). Einige Theologen forderten die Einführung der Todesstrafe im ägyptischen Recht.

Heute vertreten muslimische Theologen vor allem drei Positionen zur Frage der Apostasie: Eine Minderheit fordert wie der einflussreiche pakistanische Journalist und politische Aktivist Abu l-A’la Maududi (gest. 1979) kompromisslos die Todesstrafe für jeden, der den Islam verlässt. Eine weitere Minderheit fordert wie der von den Malediven stammende Theologe Abdullah Saeed (geb. 1960) unbedingte Glaubensfreiheit, wozu auch die Freiheit gehört, sich vom Islam ab- und einer neuen Religion zuzuwenden.

Die Mehrheit der Theologen dürfte heute die Auffassung des international einflussreichen ägyptischen Gelehrten Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926) befürworten: Danach darf ein Muslim zwar in seinem Innersten Zweifel hegen, aber nicht darüber sprechen, zu einer anderen Religion konvertieren oder versuchen, andere vom Islam abzuwerben. Auch die Scharia, den Islam, den Koran oder Muhammad darf er in keinem Aspekt kritisieren. Tut er dies, wird das in der Regel als Aufruhrstiftung, Verrat und Entzweiung der muslimischen Gemeinschaft betrachtet, die unterbunden und bestraft werden muss; al-Qaradawi hält in diesem Fall die Todesstrafe für verpflichtend. Er deklariert das Gegenteil von Religionsfreiheit als „Religionsfreiheit“.

Bringt die Arabellion Religionsfreiheit?

Die rechtliche und gesellschaftliche Situation ist von Land zu Land sehr verschieden: Der Nordsudan etwa bedroht den Abtrünnigen per Gesetz mit der Todesstrafe. In Ägypten existiert zwar per Gesetz Glaubensfreiheit, aber angesehene Gelehrte der al-Azhar haben verschiedentlich zur Hinrichtung von Abgefallenen aufgerufen. In der Türkei schließt das Gesetz auch die Freiheit ein, sich öffentlich zu seinem Glauben zu bekennen, auch wenn dieser durch Konversion angenommen wurde. Gesellschaftliche Nachteile und Diskriminierung aber sind überall zu erwarten.

Obwohl es sie viel kostet, kritisieren manche Muslime die traditionelle Auslegung des Islam, prangern mutig den Mangel an Menschen- oder speziell Frauenrechten an (was ihnen gleichermaßen den Vorwurf des Abfalls einbringen kann) oder wenden sich dem christlichen Glauben zu. Manche werden unter Druck gesetzt, müssen außer Landes fliehen, andere werden inhaftiert, gefoltert, wegen zu Unrecht erhobener Anklagen wie Drogenhandel oder Spionage verurteilt oder sogar umgebracht. Manche Konvertiten kehren später wegen des großen gesellschaftlichen Drucks, der ihnen vor Ort kaum eine legale Existenz als Andersgläubige ermöglicht, wieder zum Islam zurück.

Umgekehrt konvertieren sowohl in islamisch geprägten Gesellschaften als auch in westlichen Ländern nominelle oder auch praktizierende Christen zum Islam, teilweise im Zuge einer Eheschließung, aber nicht nur deshalb. Einige dieser Konvertiten gerieten unter den Einfluss radikaler Prediger und haben als Jihad-Kämpfer in Afghanistan oder Pakistan von sich reden gemacht.

Fehlende Religionsfreiheit geht immer einher mit fehlenden politischen wie persönlichen Freiheitsrechten. Religionsfreiheit ist noch längst nicht in allen Teilen der Welt eine Selbstverständlichkeit. Angesichts einer gewählten islamistischen Mehrheit im Parlament wie in Ägypten nach der Arabellion, die an der Einheit von Religion und Staat festhalten wird, scheint sie sich auch dort auf absehbare Zeit nicht anzubahnen.

Christine Schirrmacher