Politik

Bonner Professorin in Unabhängiges Expertengremium zur Muslimfeindlichkeit (UEM) berufen

September 10, 2020 by · Leave a Comment 

Der Bundesinnenminister des Innern hat die an der Universität Bonn lehrende Professorin für Islamwissenschaft, Christine Schirrmacher, in das zwölfköpfige Expertengremium berufen, das im Auftrag der Bundesregierung Erscheinungsformen und Auftreten der Muslimfeindlichkeit in Deutschland erforschen soll. Binnen zwei Jahren soll ein Bericht erstellt werden. Der Minister hatte die Gründung des Gremiums anlässlich eines Terroranschlags auf Muslime in Hanau am 22. August 2020 angekündigt.

Christine Schirrmacher © privat

Wie die 58-jährige der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, setzt sie sich in Forschung und Lehre kritisch mit Erscheinungsformen und Rechtfertigung von Gewalt und Unterdrückung, etwa von Frauen und Andersgläubigen, im Namen der Religion auseinander. Doch ebenso müssten Hassreden, Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten und allen, die andere Auffassungen vertreten, geahndet werden, auch gegenüber Muslimen. Die Professorin setzt sich seit vielen Jahren auch für die Religionsfreiheit von Muslimen ein, etwa 2015 als Sachverständige der Anhörung „Religionsfreiheit und Demokratieentwicklung“ (siehe auch hier) im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages. Im Auftrag der Weltweiten Evangelischen Allianz ist sie als Commissioner for Islam Affairs für den internationalen Dialog mit muslimischen Führern zuständig.

Schirrmacher gehört durch Berufung durch den Deutschen Bundestag dem Kuratorium des Deutschen Instituts für Menschenrechte (DIMR), Berlin, an und wurde durch den Bundesinnenminister zur 2. Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Bonn/Berlin, berufen. Zudem ist sie Mitglied im Kuratorium der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und gehört dem wissenschaftlichen Beirat des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Berlin, an. Sie gehört auch dem Netzwerk „Connecting Research on Extremism in North Rhine-Westphalia“ (CoRE-NRW) an, das das Ministerium für Kultur und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen (MKW NRW) 2016 ins Leben gerufen hat. Das Netzwerk bringt Forschende, Praktiker und Verwaltung in NRW zusammen, die sich mit religiös begründetem Extremismus mit Schwerpunkt Salafismus befassen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte den „Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit“ mit Vertretern aus Wissenschaft und Praxis am 1. September 2020 ins Leben gerufen. Er soll nach seinen Worten Strategien zur Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit ausarbeiten: „Muslimfeindliche Haltungen sind nicht nur eine Bedrohung für Muslime, sondern für den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt.“ Der „Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit“ (UEM) solle einen Beitrag dazu leisten, dass Staat und Gesellschaft „besser und gezielter dagegen vorgehen können“. Seine Einrichtung versteht sich auch als eine Reaktion auf rassistische und muslimfeindliche Vorfälle sowie terroristische Anschläge bzw. Anschlagsplanungen der vergangenen Monate. Bundesinnenminister Horst Seehofer: „Der schreckliche Anschlag in Hanau ist ein weiterer Beweis dafür, dass das Gift des Rechtsextremismus das Böse im Menschen zu Tage treten lässt. Das ist ein Angriff auf Mitbürger und Freunde, ein Angriff auf unsere gemeinsamen Werte, der uns alle gemeinsam angeht. Dies nehme ich nicht hin.“

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Koordinierungsrat der Deutschen Muslime begrüßten die Einrichtung des Gremiums. Auch aus dem Ausland wurde die Einberufung des Expertenkreises gegen Muslimfeindlichkeit begrüßt. Das Observatorium zur Bekämpfung von Extremismus an der Kairoer Al-Azhar-Moschee hat das deutsche Innenministerium für die Einrichtung eines Expertengremiums gegen Muslimfeindlichkeit gelobt. Diese Feindlichkeit sei nicht nur eine Bedrohung für Muslime, sondern für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Allgemeinen, heißt es in einer Reaktion des Observatoriums in der Onlinezeitung „Egypt Today“ unter Berufung auf die ägyptische Nachrichten-Agentur „Mena“. Die Al-Azhar-Moschee ist die bedeutendste Moschee Ägyptens, die im 10. Jahrhundert n. Chr. von der Dynastie der schiitischen Fatimiden begründet wurde. Sie ist eine der bedeutendsten theologischen Lehrstätten des sunnitischen Islam im gesamten Nahen Osten, und die angegliederte Universität verfügt über rund 20.000 Studienplätze.

Die zwölf Mitglieder des UEM wurden soeben mit Berufungsschreiben des zuständigen Staatssekretärs im BMI, Dr. Markus Kerber, offiziell ernannt. Es handelt sich um Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis, die eine breite fachliche Expertise zu Aspekten und Auswirkungen und/oder der Prävention von Muslimfeindlichkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen einbringen. Neben sechs Universitätsprofessoren gehören sechs Mitarbeiter von Bildungs- oder Dokumentationsstätten sowie Nichtregierungsorganisationen dem Gremium an.

Die zwölf Mitglieder sind:

  • Dr. Iman Attia, Alice Salomon Hochschule Berlin
  • Karima Benbrahim, Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA)
  • Saba-Nur Cheema, Bildungsstätte Anne Frank e.V.
  • Yasemin El-Menouar, Bertelsmann Stiftung
  • Dr. Karim Fereidooni, Ruhr-Universität Bochum
  • Dr. Kai Hafez, Universität Erfurt
  • Özcan Karadeniz, Verband binationaler Familien und Partnerschaften e.V.
  • Dr. Anja Middelbeck-Varwick, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Nina Mühe, CLAIM – Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit
  • Mathias Rohe, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Dr. Christine Schirrmacher, Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Katholische Universität Löwen
  • Dr. Yasemin Shooman, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM)

Pressemeldungen auf Englisch:

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Neuerscheinung: Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland

Juli 5, 2019 by · Leave a Comment 

Carsten Linnemann; Winfried Bausback (Hg.). Der Politische Islam gehört nicht zu Deutschland. Herder: Freiburg, 2019, 288 S., 22 Euro.

Cover Der politische Islam gehört nicht zu DeutschlandDer politische Islam ist derzeit eines der größten Integrationshemmnisse von Muslimen in die deutsche Gesellschaft. Doch was ist gemeint, wenn die Herausgeber und Autoren dieses Buches vom politischen Islam sprechen? Für Carsten Linnemann und Winfried Bausback ist eine klare Differenzierung dringend notwendig „denn den einen Islam gibt es nicht. Stattdessen gibt es unzählige Strömungen, leider nicht nur friedliebende. Die radikalen Ausprägungen, die den westlichen Lebensstil zum Feindbild erheben und unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung zu unterlaufen suchen, bezeichnen wir als ‚politischen Islam‘. Und genau um diesen politischen Islam geht es in diesem Buch.“

Weit über 1 Mio. Menschen sind seit 2015 aus überwiegend muslimischen Ländern nach Deutschland gekommen. Dadurch ist die deutsche Gesellschaft pluralistischer geworden. Wenn es jedoch nicht gelingt, den liberalen islamischen Kräften in Deutschland und Europa Raum zur Entfaltung zu geben, ist der gesellschaftliche Friede gefährdet. Radikale Auslegungen sind nicht mit der demokratischen und rechtsstaatlichen Grundordnung Deutschlands zu vereinbaren. Die Probleme des politischen Islam, etwa die Moscheenfinanzierung aus dem Ausland, die Auswüchse der Schariajustiz oder die Unterdrückung von Mädchen und Frauen, müssen identifiziert und Antworten darauf gefunden werden. Integration kann nur gelingen, wenn jeder die Grundregeln des Zusammenlebens anerkennt und sich ihnen anpasst. Dazu zählt die Akzeptanz des aufgeklärten, säkularisierten Staates sowie der freiheitlichen Errungenschaften, die Religionsfreiheit eingeschlossen. Und dennoch kann und darf die Religionsfreiheit nicht schrankenlos sein, wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt und letztlich die Demokratie bewahrt werden sollen.

Die Präsentation des Buches mit Dr. Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages, am 21.2.2019 in Berlin © Herder Verlag

Die Präsentation des Buches mit Dr. Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages, am 21.2.2019 in Berlin © Herder Verlag

Diese Entwicklungen und die Beobachtung, dass islamistische Strömungen in Deutschland zunehmen, haben die beiden Herausgeber zum Anlass genommen, mit einigen der renommiertesten Experten und Publizisten aus den Bereichen Islamwissenschaft, Soziologie, Politologie und Terrorbekämpfung ins Gespräch zu kommen. „Es wurden die entscheidenden Bereiche identifiziert, in denen sich religiöser Extremismus Bahn brechen kann, und Vorschläge erarbeitet, wie diesem Einhalt geboten werden kann. Ziel war und ist es, die Debatte zum Islam auf eine neue Basis zu stellen und auch unbequeme Fakten anzusprechen. Nichts verschweigen, nichts schönreden, aber auch nichts schwarzmalen – das ist unsere Devise.“

Die Autoren erklären, was gesetzlich, in der Prävention und in der Wertevermittlung getan werden muss, um extremistische Auslegungen zurückzudrängen und die liberalen Kräften im Islam zu stärken. Am Ende des Buches steht der Entwurf eines Maßnahmenpakets, das die Politik schnellstmöglich umsetzen sollte.

Mit Beiträgen von Marwan Abou Taam, Sascha Adamek, Michael Blume, Necla Kelek, Markus Kerber, Ruud Koopmans, Ahmad Mansour, Boris Palmer, Christine Schirrmacher, Andreas Schnadwinkel, Düzen Tekkal, Bassam Tibi und Joachim Wagner.

Fotos © Herder Verlag

Politischer Islam und Religionsfreiheit

Juni 9, 2017 by · Leave a Comment 

Podiumsdiskussion mit Justizminister Prof. Dr. Winfried Bausback

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v.l.n.r. Justizminister Winfried Bausback, die Publizistin Necla Kelek, Prof. Christine Schirrmacher und Prof. Ferdinand Kirchhof © Henning Schacht

Der politische Islam stellt Deutschland vor neue Herausforderungen. Das Grundrecht in Artikel 4 Grundgesetz (GG) schützt die Religionsfreiheit des einzelnen und verpflichtet den Staat zur Neutralität gegenüber den Religionen. Was aber ist, wenn auch patriarchalisch-archaische Traditionen zu religiösen Geboten erklärt werden? Wenn solche Gebote im Widerspruch stehen zu den Grundwerten unserer Verfassung? Müssen wir dann unsere Religionsfreiheit neu denken? Bayerns Justizminister Prof. Dr. Winfried Bausback und die Bayerische Vertretung in Berlin luden am 1. Juni 2017 zur Podiumsdiskussion „Politischer Islam und Grundgesetz – müssen wir die Religionsfreiheit in Deutschland neu denken?“.   Der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof, die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher und die Publizistin Dr. Necla Kelek diskutierten die aktuellen Herausforderungen des politischen Islams. Staatsminister Prof. Dr. Bausback moderierte die Podiumsdiskussion und hatte zuvor in das Thema eingeführt.

 

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Political Islam

Dezember 11, 2016 by · Leave a Comment 

When Faith Turns Out to Be Politics

Cover Political Islam

Political Islam or Islamism – in contrast to Jihadism or terrorism – does not necessarily first and foremost have anything to do with violence. On the contrary, the large majority in the Islamic movement turned away from the use of violence long ago and is instead attempting to peacefully exert political and societal influence. Representatives of political Islam are welltrained political strategists who, in suits and ties and via organized Islam and Islamic organizations conduct resolute lobbying activities in Europe in order to promote the implementation of Islamic society. Christine Schirrmacher provides a sophisticated overview of the genesis of this global movement, its view of the world, and its goals, and she demonstrates that it is essentially a product of the twentieth century. The reader will additionally gain insight into the Muslim Brotherhood, the first institutionalized form of political Islam. At present it is the most interconnected and successful movement in the world.


Bibliography:

  • Political Islam – When Faith Turns out to be Politics. Culture and Science Publ.: Bonn, 2016. ISBN: 978-3-86269-113-5.

 

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Politischer Islam und Demokratie

November 30, 2015 by · Leave a Comment 

Konfliktfelder

Cover Politischer Islam und Demokratie: KonfliktfelderAuch wenn der politische Islam nur ein Aspekt des Islam darstellt, ist er häufig das Thema in unseren Medien: Wie steht er zu Zwangsehen? Erlaubt er die Anwendung von Gewalt? Wodurch werden Jugendliche radikalisiert? Sind Islam und Menschenrechte miteinander vereinbar? Die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher erläutert fundiert die geschichtlichen, religiösen und politischen Hintergründe der Thematik und zeigt den gesellschaftlichen Anspruch des politischen Islam auf.


Bibliographische Angaben:

  • Christine Schirrmacher. Politischer Islam und Demokratie: Konfliktfelder. Hänssler: Holzgerlingen, 2015. ISBN: 978-3-7751-7295-0.


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Neu erschienen: „Es ist kein Zwang in der Religion“

Oktober 12, 2015 by · Leave a Comment 

Neu erschienen: Christine Schirrmacher. „Es ist kein Zwang in der Religion“ (Sure 2,256): Der Abfall vom Islam im Urteil zeitgenössischer islamischer Theologen. Diskurse zu Apostasie, Religionsfreiheit und Menschenrechten. Ergon-Verlag, Reihe Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften, Bd. 12. 550 S.

Habil_CoverWie stellt sich die Lage in islamisch geprägten Ländern beim Thema Religionsfreiheit, Religionskritik und dem Abfall vom Islam, der Apostasie, dar? Per Gesetz bekennen sich die meisten dieser Länder ausdrücklich zur Religionsfreiheit – praktisch aber erleiden kritische Intellektuelle, progressive Koranwissenschaftler, Frauen- und Menschenrechtler, Konvertiten vom Islam sowie Angehörige nicht-anerkannter Minderheiten vielerorts Diskriminierung, Ächtung, Bedrohung, Inhaftierung oder sogar den Tod. Bei der Ursachenforschung für diese Diskrepanz werden die drei heute vertretenen Hauptpositionen islamischer Gelehrter zur Apostasie erläutert, die von deren global einflussreichsten Vertretern, Yusuf al-Qaradawi (geb. 1926), Abdullah Saeed (geb. 1960) und Abu l-A’la Maududi (1903-1979), verfochten werden. Die Studie beschäftigt sich anhand ihrer Veröffentlichungen zu Religionsfreiheit und Apostasie mit dem ideengeschichtlichen Transfer der „Saat ihrer Worte“ (Hrant Dink) in die Gesellschaft sowie mit ihrem weltweit immensen Einfluss auf Theologie, Recht und Politik. Am Ende steht die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit Verfechter unbeschränkter Religionsfreiheit und Menschenrechte in diesem Teil der Welt vermehrt Gehör finden.


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