Christine Schirrmacher
Vorbild Muhammads

„Reform gilt als Ketzerei“

Januar 21, 2015 by · Leave a Comment 

Die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher meint: Das Problem des heutigen Islam sind nicht die Gesetze, die Mohammed für seine erste Gemeinde erließ, sondern deren festzementierte Auslegung. – Von Oliver Maksan

Frau Professorin Schirrmacher, gibt es im Koran und seiner traditionellen Auslegung irgendeine Rechtfertigung für das, was die Attentäter jetzt in Paris getan haben? Sie haben ja Rache für die satirische Beleidigung Mohammeds als Begründung angegeben.

Es gibt in den Quellen natürlich keine direkte Rechtfertigung, die eins zu eins auf die Geschehnisse in Frankreich anwendbar wären. Für die meisten Muslime gibt es zwischen ihrem Glauben und diesen Taten keinerlei Verbindung, und sie können sich nicht vorstellen, dass die Attentäter ihr brutales Morden als Ausdruck ihres Glaubens verstanden. Allerdings wird die Thematik des Spotts über den Islam – und die Satire wird ja als Verspottung des Islam interpretiert – schon in frühislamischer Zeit thematisiert: Es werden uns etwa Vergeltungsaktionen aufgrund von Spott am Islam überliefert; eines der bekanntesten Beispiele dürfte die Vertreibung und Auslöschung dreier in Medina ansässiger jüdischer Stämme zwischen 624–627 n. Chr. gewesen sein, die Mohammed mit seinem Sendungsanspruch verhöhnt haben sollen. Der Koran kündigt über die Spötter das Gericht an: „Und es sind wahrlich schon vor dir Gesandte verspottet worden. Aber dann traf jene, die Spott trieben, worüber sie sich lustig machten“ (21,41). Der Koran berichtet mehrfach, dass nachdem die Propheten verspottet wurden, das Gericht hereinbrach: Der Koran nennt einige Beispiele solcher unbußfertigen Gruppen, die das Gericht Gottes etwa durch ein Erdbeben oder andere Naturkatastrophen am eigenen Leib erfuhren: „Und erfassten wir alle in ihrer Schuld. Über die einen schickten wir einen Sandsturm, über die anderen kam der Schrei, andere ließen wir von der Erde verschlingen oder ertrinken.“ (29, 40).

Aber das sind Verse, wo Gott die Frevler straft. Ermächtigt das auch Fromme, Gottes Bußgericht zu vollziehen?

Vielleicht denken einige Extremisten an Koranverse wie den folgenden, der allerdings in Bezug auf die muslimische Gemeinschaft sagt: „… Sag: ,Wie konntet ihr euch über Gott und seine Zeichen und seinen Gesandten lustig machen? Ihr braucht keine Entschuldigungen vorzubringen. Ihr seid ungläubig geworden, nachdem ihr gläubig wart. Wenn wir einer Gruppe von euch verzeihen, so bestrafen wir eine andere Gruppe dafür, dass sie Sünder waren‘“ (9,65–66). Ein gängiger Korankommentar legt diesen Vers mit Berufung auf einen der berühmtesten Vordenker eines orthodox-politischen Islam, Abu l-Ala Maududi (1903–1979), so aus: „Wer aus mangelnder Ernsthaftigkeit überhaupt Gefallen an belanglosem Gerede findet, ist vielleicht ausgenommen. Es gibt jedoch andere, die absichtlich ihren Spott mit ernsthaften Dingen treiben, weil sie den Propheten und seine Lehre ins Lächerliche ziehen und die Moral der Gläubigen untergraben wollen. Sie sind keine Unwissenden, sondern Verbrecher.“ Nach dieser Logik können sich die Attentäter als „Ehrenretter“ des Islam sehen.

Die saubere Trennung zwischen Islam und Islamismus, die Medien und Politik machen: Funktioniert die demnach überhaupt? Sind Dschihadisten am Ende gar die konsequenteren Muslime?

Wenn die Dschihadisten die (einzigen) konsequenten Muslime wären, dann wären ja 99 Prozent aller Muslime keine wahren Gläubigen – gerade diese Botschaft wollen Dschihadisten ja die muslimische Mehrheit glauben machen, insbesondere die Jugendlichen, die sie in ihre Nachfolge rufen. Oft sind Dschihadisten jedoch nicht einmal besonders in der Religion bewandert, ihr religiöses Wissen ist oberflächlich, mit unterschiedlichen Koranauslegungen haben sie sich nie beschäftigt. Ja, die meisten Anführer dschihadistischer Bewegungen waren keine Theologen, sondern Bauingenieure, Journalisten oder Naturwissenschaftler. Dennoch greifen sie auf die ureigensten Quellen des Islam zurück, auf Koran, Überlieferung und die autoritativen frühen Gelehrten sowie auf das Schariarecht – in dieser Hinsicht, im Hinblick auf den Rückbezug auf diese Quellen und die Bedeutung, die sie ihnen zumessen, stimmen sie mit traditionellen muslimischen Gläubigen überein.

Und wo liegt der Dissens?

Worin sie nicht übereinstimmen, ist ihre Sicht, dass der Dschihad heute gegen den Westen (oder auch gegen andere Muslime) geführt werden muss und sie diese Überzeugung auch gleich selbst umsetzen, um eine „gerechte“ Gesellschaft zu schaffen, in der nur noch das Schariarecht gelten darf. Diesen Kampf mit den Waffen jetzt nicht zu führen, interpretieren sie als Zeichen des Unglaubens und des Abfalls vom Islam – auch hierin stimmen ihnen die meisten Muslime natürlich nicht zu.

Was müsste in der islamischen Welt theologisch geschehen, damit Scharia-Islam und allgemeine Erklärung der Menschenrechte kompatibel werden?

Es müsste sich zunächst einmal die Bühne für einen pluralistischen Religionsdiskurs öffnen und Muslime müssten untereinander offen über ihre unterschiedlichen Überzeugungen und Auffassungen sprechen können, ohne um Position, gesellschaftliche Stellung oder sogar um ihr Leben fürchten zu müssen. Aber Religions- und Meinungsfreiheit ist natürlich nur im Verbund mit politischen und persönlichen Freiheiten zu haben, ebenso Frauen- und Minderheitenrechte. Diese Rechte entstehen nur durch gesetzliche Vorgaben und ein rechtsstaatliches Umsetzen. Religionsfreiheit, die es ja derzeit im Nahen Osten nirgends – oder an einigen Orten wie der Türkei nur sehr eingeschränkt – gibt, kann nur in einem religionsneutralen Staat gedeihen, das heißt die Trennung von Staat und Religion wäre ebenso unterlässlich wie die Schaffung eines säkularen Rechts, losgekoppelt vom religiösen Schariarecht. Solange Teile des religiösen Schariarechts im Nahen Osten Gültigkeit haben, kann es keine Freiheits- und Gleichheitsrechte für Minderheiten, Frauen und Andersdenkende geben.

Nun gibt es ja vereinzelte Stimmen des Reformislam. Vergewaltigen diese die heiligen Texte, oder sind die islamischen Quellen so auslegbar, dass man den Koran in der einen und das Grundgesetz in der anderen Hand halten kann?

Die islamischen Quellen sind natürlich auslegbar. Dass der Koran von den Kriegszügen Mohammeds spricht und auch nach Mohammeds Tod Expansionskriege geführt wurden, ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem besteht darin, dass die Auslegungsprinzipien des Korans in den ersten Jahrhunderten festgelegt wurden und seitdem als unhinterfragbar gelten. Das heißt, man kann heute nicht einfach hingehen und die Verse über die rechtliche Benachteiligung der Frau, über die benachteiligte Stellung von Juden und Christen oder die Verse über den Dschihad grundsätzlich für abgeschafft erklären, ohne sich den Vorwurf der Ketzerei zuzuziehen. Und nicht nur das: Die rechtlichen Regelungen aus der Zeit Mohammeds, die nicht sehr umfangreich waren, sind nach Mohammeds Tod von den frühen Juristen bis zum 10. Jahrhundert in Rechtskompendien interpretiert worden und gelten bis heute als verbindliche Auslegungen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ja. Wer also öffentlich sagt: Die Polygamie war eine frühislamische Regelung auf der Arabischen Halbinsel und damals möglicherweise sinnvoll, heute aber undenkbar und wir schaffen sie daher gesetzlich in den arabischen Ländern ab, der wird heftige Reaktionen, Ausstoßung und vermutlich Verfolgung ernten. Daher konnte die islamische Frauenrechtsbewegung zwar einiges erreichen, nie aber die Abschaffung der Polygamie, weil das Schariarecht sie erlaubt. Das Problem sind also nicht die Gesetze, die Mohammed für seine erste Gemeinde erließ, sondern die festzementierte Auslegung, aus deren Sicht Reform Ketzerei wäre. Hinzu kommt natürlich das unhinterfragbare Vorbild Mohammeds, was ein Umdenken derzeit nicht möglich macht. Wenn ich einen Menschen (und Mohammed bestätigt selbst im Koran, nur ein sterblicher Mensch gewesen zu sein) aus dem 7. Jahrhundert mit all seinen Alltagshandlungen zum Ideal und in seinen rechtlichen Regelungen für alle Zeiten für unterhinterfragbar erkläre, werden grundlegende Reformen sehr schwierig.

Glauben Sie, dass durch IS oder die Pariser Anschläge in der islamischen Welt ein Umdenken einsetzt und man sich kritisch mit der eigenen Tradition auseinanderzusetzen beginnt?

Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen im Nahen Osten von den Taten erschüttert sind und nicht glauben können, was sie an ihren TV-Bildschirmen sehen. Aber es wird auch Jubel, Zustimmung und Schadenfreude geben sowie das Gefühl, dass es dem „gottlosen Westen“ recht geschieht, da man die islamisch geprägten Länder häufig für moralisch überlegen und natürlich mit dem einzig wahren Glauben ausgestattet sieht. Ein grundlegendes Umdenken in Bezug auf die Attentate kann dann einsetzen, wenn die traditionelle Theologie bereit wird, ihre Quellen kritisch zu sichten und neue Auslegungen zuzulassen, denn nur dann wäre eine grundsätzliche Absage an die Berechtigung jeglicher Gewalt, auch bei Verspottung des Islam, im Verteidigungsfall, möglich – und als solchen sehen die Attentäter ja ihre Angriffe. Das aber wird wiederum nur dann möglich sein, wenn der Abfall vom Islam – als solcher würde ein kritischer Quellendiskurs von der traditionellen Theologie heute beurteilt – nicht mehr mit der Todesstrafe bedroht wird. Dazu aber müsste die Reichweite des Schariarechts eingeschränkt werden.

Was erwarten Sie von den europäischen Islamverbänden, Imamen und Muslimen jetzt?

Von Imamen, Verbänden und Religionsführern, dass sie sich nicht nur darauf beschränken, zu – den ja sehr lobenswerten – Mahnwachen aufzurufen, sondern eine kritische Sichtung ihrer eigenen Vermittlung des Schariarechts in Deutschland vorzunehmen. Dort, wo in Moscheen gelehrt wird, dass ein Muslim nur ein Gläubiger sein könne, wenn er sich von der westlichen Welt zurückzieht, mit niemandem in Kontakt tritt und auch keine nicht-muslimische Frau heiraten darf, weil ihn die westliche Welt verunreinigt und er berufen sei, den Islam im Westen ganz durchzusetzen einschließlich seines politischen und gesellschaftlichen Anspruchs, wird das desintegrierend wirken und Mauern zwischen Menschen errichten. Dort, wo gelehrt oder Literatur verkauft wird, die Ehemännern empfiehlt, ihre ungehorsamen Frauen gemäß Sure 4,34 zu züchtigen, damit sie ihnen gehorchen, besteht ein Problem. Das Schariarecht in seiner traditionellen Auslegung ist nicht mit westlichen Freiheits-, Gleichheits-, Menschen- und Frauenrechten kompatibel. Mit einer solchen Lehre des Islam, der auch in Gesellschaft und Politik zu gelten habe und der jungen Menschen in Deutschland vermittelt, sie können nicht gleichzeitig Muslime und Deutsche sein, stürzen Imame die Jugendlichen in einen großen Zwiespalt; manche jungen Menschen kapseln sich regelrecht ab, andere geraten in die Fänge radikaler Gruppierungen. Damit das nicht geschieht, muss von Imamen und Verbänden ein kritischer Diskurs zur Gültigkeit des Schariarechts, zu den Frauenrechten und zur Religionsfreiheit geführt und das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft bejaht werden.

Quelle: Die Tagespost

Interview mit Islam-Expertin: „Kampfaufrufe Mohammeds für ungültig erklären“

Januar 19, 2015 by · Leave a Comment 

Düsseldorf. Christine Schirrmacher zählt zu den profiliertesten Kennern des Islam. Bereits in ihrer Doktorarbeit hat sie sich mit der christlich-muslimischen Kontroverse im 19. Und 20. Jahrhundert auseinandergesetzt. Ihre provokante These: Der Islam muss sich von Mohammeds Beispiel verabschieden, wenn er sein Gewaltproblem lösen will. – Ein Interview mit Christine Schirrmacher von Jasmin Buck.

Frau Schirrmacher, warum ist die Gewalt im Islam so ausgeprägt wie in keiner anderen Religion?

Schirrmacher: Der Islamismus als politisierte Form des Islam und der Dschihadismus, der die politische Umsetzung des Islam einschließlich der Anwendung des Schariarechts durchsetzen will, sind Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Krisensituation im Nahen Osten entstanden. Sie sind also relativ neuen Datums und prägen nicht den Islam oder die islamische Geschichte als solche. Aber der politische Islam beruft sich auf die wesentlichen Quellen des Islam, die kein grundsätzliches Verbot von Kriegführung und Gewalt zur Verteidigung des Islam formulieren. Auch das Vorbild Mohammeds als Kriegsherrn und das grundsätzliche Gebot, ihn in allem nachzuahmen, ist von der Theologie nie grundsätzlich relativiert worden. Es gibt zwar viele Gebote zur Einschränkung der Gewaltanwendung beim Jihad und auch Bedingungen, ihn überhaupt zu führen, aber kein generelles Jihad-Verbot in den autoritativen Quellen. Die Frage, wann sich der Islam „verteidigen“ muss, kann natürlich sehr unterschiedlich interpretiert werden. Radikale Bewegungen meinen, das sei der Fall, wenn etwa Karikaturen über den Islam veröffentlicht werden.

In der Logik der Extremisten wird der Islam angegriffen: vom imperialistischen Westen mit Waffen, Ausbeutermethoden und einem verwerflichen Wertesystem. Was halten Sie davon?

Schirrmacher: Der Islam kann friedlich wie alle anderen Religionen um Anhänger werben, das ist sein gutes Recht. Wenn sich manche islamischen Gruppen jedoch durch die Existenz des Westens an sich, die dortige Werteordnung und Pressefreiheit bereits angegriffen fühlen und dagegen mit der Durchführung von Anschlägen und der wahllosen oder gezielten Ermordung von Bürgern westlicher Länder reagieren, ist das nichts anderes als Terrorismus, der aufs Schärfste verurteilt werden muss und keine Rechtfertigung oder Entschuldigung in der Verletzung religiöser Gefühle finden sollte. Die Einschränkung der westlichen Pressefreiheit, auch Kritisches oder Satirisches über den Islam zu berichten, würde ihm als einzigem eine Sonderrolle der Unantastbarkeit zubilligen.

Viele Muslime müssen sich aktuell für islamistischen Terrorismus rechtfertigen. Woran liegt das?

Schirrmacher: Zum einen gibt es natürlich diejenigen, die zu wenig differenzieren und alle Muslime zu Attentätern oder potentiellen Terroristen stempeln, was im höchsten Maß abzulehnen ist. Es ist verständlich, dass diejenigen Muslime in westlichen Ländern, die die Gewalttaten zutiefst verabscheuen, sich nicht ständig erneut rechtfertigen möchten und sich zu Unrecht verdächtigt sehen. Allerdings muss die Demaskierung von Gewalt und die generelle Distanzierung der Theologie von allen Quellen des Islam, die Gewalt unter welchen Vorzeichen auch immer rechtfertigen, aus der Mitte der islamischen Theologie selbst kommen. Wichtiger aber ist: So lange die Kampfaufrufe Mohammeds und der Kalifen nicht für alle Zeiten für ungültig erklärt werden, wird der Islam sein Gewaltproblem nicht loswerden.

Ist der Islam eine Religion der Liebe?

Schirrmacher: Das Zentrum der islamischen Theologie ist die Lehre von dem einen Gott, dem sich der Mensch unterwerfen soll. Ein Gebot der generellen Nächstenliebe oder Feindesliebe kennt die islamisch-klassische Theologie nicht.

Salafisten sprechen die Sprache der Jugend. Warum setzen muslimische Gemeinden keine Jugendarbeit dagegen?

Schirrmacher: Es gibt bereits muslimische Sozialarbeiter und Projekte, die sich gezielt an Jugendliche wenden und ihnen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung anbieten; häufig sind das jedoch städtische Initiativen oder Projekte einzelner Institutionen, die nicht aus den Moscheen hervorgehen. Die klassische Moschee bietet zunächst Korankurse, vielleicht einen Nachhilfenachmittag oder auch ein Mädchentreff an, aber häufig sind die Jugendlichen der Meinung, dass die klassischen Moscheeangebote – um so mehr, wenn der Imam aus der Türkei oder einem arabischen Land stammt – völlig an ihren Bedürfnissen vorbeigehen – es fehlt an der Bereitschaft und Fähigkeit junger und gut ausgebildeter Imame, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, auf die Fragen der Jugendlichen hier in Deutschland einzugehen, die zwei Welten (die der Tradition und Elterngeneration) und die der europäischen Gesellschaften im 21. Jahrhundert unter einen Hut bringen müssen und ihnen tragfähige Antworten zu geben, wie sie Muslime bleiben und dennoch inmitten der deutschen Gesellschaft leben und dazu gehören können – allerdings fühlen sie sich häufig ausgegrenzt von der deutschen Gesellschaft, was wieder der Abschottung in die Hände spielt. Um diese Brücke zwischen islamischer und deutscher Identität bei den Jugendlichen der 3. Generation zu bauen, muss aber auch Rede- und Kritikfähigkeit bei jungen Imamen geschult werden, auch die Selbstkritik und vor allem deren begründete Ablehnung jeglicher Radikalität. Leider wirken einige Jugendimame, die das Gedankengut radikaler Gruppierungen und Geldgeber aus dem Nahen Osten hier verbreiten, gerade in die entgegengesetzte Richtung auf die Jugendlichen ein und predigen ihnen, dass sie nur Muslime sein können, wenn sie sich von der westlichen, sündigen Welt total abkapseln und den Islam „ganz“ umsetzen. Von der Abkapselung und der Diskriminierungserfahrung ist es dann, wenn persönliche Misserfolge oder Familienbrüche hinzukommen, bis zur Radikalität nicht mehr weit.

Nur jeder vierte Deutsche sieht den Islam als Bereicherung. Warum?

Schirrmacher: Wer hört, dass es wiederholt zu Gewalttaten durch Extremisten in Nachbarländern kommt, die diese Taten als religiös gerechtfertigt oder sogar von ihrer Religion als befohlen betrachten, macht sich Sorgen, was demnächst vor der eigenen Haustür passiert. Dennoch sind weder Verallgemeinerung noch Generalverdächtigungen angesagt.

Was denken Sie, wenn Sie die Zehntausenden „Pegida“-Demonstranten in Dresden und anderen deutschen Städten sehen?

Schirrmacher: Dass sich hier ein Unwohlsein Bahn bricht, das die Politik sehr ernst nehmen und die sehr diversen Teilnehmer nicht mit herabsetzenden Worten abqualifizieren sollte. Es sind nicht nur rechtslastige Krawallbürger dabei, sondern auch besorgte, gebildete Bürger, die sehr wohl zwischen Muslimen und Terroristen differenzieren, aber ihrer Sorge Ausdruck geben möchten, dass ungute politische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht genügend öffentlich thematisiert und kritisch diskutiert werden. Sie öffentlich über die Medien abzukanzeln wird nur ihren Zulauf verstärken. Gesprächseinladungen, kritisch-konstruktive Dialoge und ein Ernstnehmen der berechtigten Anliegen wären besser.

Jasmin Buck stellte die Fragen.

Quelle: RP

Der Koran erteilt dem Kampf im Namen des Islam keinerlei Absage

Oktober 11, 2012 by · Leave a Comment 

Christine Schirrmacher im Interview mit der Tagespost

Frau Professor Schirrmacher, kürzlich war die islamische Welt von Tunis bis Karachi wegen des Mohammed-Films in Aufruhr: Waren das spontane Proteste in ihren religiösen Gefühlen beleidigter Gläubiger oder von interessierter Seite inszenierte anti-westliche Pogrome, bei denen Fast-Food-Ketten in Flammen aufgingen und US-Fahnen brannten?

Die Proteste entluden sich nicht spontan, sondern es handelte sich um gezielte Inszenierungen von Extremisten, ebenso wie damals bei den Mohammed-Karikaturen. Gerade bei Extremisten ist der Hass auf den Westen Teil ihrer Weltanschauung. Da braucht es nicht viel, dass sie die Massen anstacheln. Es war ja auch nicht so, dass die Menschen zuerst den Film gesehen hätten und dann die Proteste entflammten, sondern extremistische Führer stellten den Film als Beleidigung des Islam und aller Muslime dar und trugen diese Sicht gezielt in die einzelnen Länder hinein. Dass die Proteste inszeniert wurden, heißt aber auf der anderen Seite nicht, dass sich viele Muslime durch den Film nicht ehrlich beleidigt gefühlt haben, wenn sie auch nicht gewalttätig geworden sind.

Aber was unterscheidet denn die gewaltlosen Frommen von denen, die Botschafter töten?

Nun, die Unterscheidung ist weniger eine theologische, also nicht so sehr ein Gegensatz zwischen konservativen und liberalen Muslimen, wie wir das analog unter Christen im Westen haben. Dass die einen den Koran „wörtlich“ nehmen und ihn die anderen historisch-kritisch auslegen würden, trifft so nicht zu, weil die islamische Theologie an den Fakultäten und Moscheen noch keine historisch-kritische Theologie entwickelt hat. Der Koran gilt gläubigen Muslimen als unmittelbar an Mohammed ergangenes, unfehlbares Offenbarungswort Gottes, das zu 100 Prozent unverändert bis heute bewahrt wurde.

Das heißt, man kann den Koran auch unhistorisch lesen und dennoch nicht Gewalt legitimieren?

Auf jeden Fall – das zeigen ja die vielen gläubigen Muslime, die friedlich im Nahen Osten und Asien, aber auch im Westen leben. Ihnen kann man ja nicht vorhalten, dass sie nur den Islam nicht richtig praktizieren. …

Das vollständige Interview kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Alle Rechte: Die Tagespost

Christine Schirrmacher