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„Der Islamismus erhebt politische Machtansprüche, die religiös bemäntelt werden“

Christine Schirrmacher auf der Tagung in der Evangelischen Akademie Hofgeismar

Bei der Tagung „Extremismus, Ideologie und Gewalt“ in der Evangelischen Akademie Hofgeismar vertrat die Professorin für Islamwissenschaft in Bonn und Leuven, Christine Schirrmacher, die Auffassung, dass Selbstmordattentate vorrangig politische Ziele durchsetzen sollen, die religiös aufgeladen werden.

„Wenn islamistische Bewegungen Selbstmordattentate und Märtyrertum als Pflichtenlehre des frühen Islam verkaufen, geht es im Kern um politische Machtansprüche, die religiös bemäntelt werden“, so Schirrmacher wörtlich.

In ihrem Vortrag „Ideologische Rechtfertigungen von Selbstmordattentaten und Märtyrertum als ‚Kampf auf dem Weg Gottes‘ in islamistischen Bewegungen der Gegenwart“ vertrat Schirrmacher, die regelmäßig Bundesbehörden und Politik in Sachen Islamismus berät, die Auffassung, dass Islamisten weniger den klassischen Positionen der islamischen Theologie folgten, sondern sich ihre eigene Lehre zurechtmachten.

Foto: Christine Schirrmacher in der Evangelischen Akademie Hofgeismar © BQ/Esther Schirrmacher

Christine Schirrmacher in der Evangelischen Akademie Hofgeismar © BQ/Esther Schirrmacher

Im Koran, so Schirrmacher, nehme der Begriff „shahid“ (Zeuge) in der Bedeutung des „Märtyrers“ nur eine marginale Stellung ein. Die Frage, wer überhaupt als Märtyrer zu betrachten sei und wer den von islamischen Theologen rundheraus verurteilten Selbstmord begehe, werde seit Jahrhunderten kontrovers diskutiert. Das Märtyrertum aktiv zu suchen oder es sogar zum Kriterium von Glaube und Unglaube zu machen, werde bis heute von den meisten muslimischen Theologen verurteilt.

Schirrmacher verwies darauf, dass das Märtyrertum im 20. Jahrhundert im Nahen Osten erst von säkular-nationalistischen Bewegungen eingesetzt wurde. Erst aufgrund von deren Erfolgen mit Selbstmordattentaten seien diese von islamistischen Gruppierungen übernommen und im Nachhinein theologisch aufgewertet worden.

Obwohl, so Schirrmacher weiter, islamistische Bewegungen sich mit den Etiketten rigoroser Rechtgläubigkeit, theologischer Kompromisslosigkeit und puristischer Strenge schmückten, nähmen sie de facto theologische Liberalisierungen vor und deuteten klassisch-theologische Konzepte um.

„So geben sie Frauen die Erlaubnis, in den Krieg zu ziehen (wie zuletzt beim IS) und selbst Märtyreroperationen durchzuführen“, so Schirrmacher wörtlich.

Zuletzt hatte Christine Schirrmacher 2017 zum Islamismus an der Evangelischen Akademie Hofgeismar referiert. Auf der Tagung „Islamistischer Terror – Herausforderung für die freie Gesellschaft“ refererierte sie seinerzeit über „al-Qaida, Salafismus und Islamischer Staat (IS): Geschichtliche, politische und theologische Ursachen für ihre Attraktivität im Nahen Osten und Europa“.